Trinkwasser: „Werfen Sie Ihre Schminke weg“

Nathalie Chèvre: (lacht) Klar, unser Trinkwasser wird gut kontrolliert, es hat sicher dieselbe, wenn nicht sogar eine bessere Qualität als das Mineralwasser aus der Flasche.

Nathalie Chèvre: (lacht) Klar, unser Trinkwasser wird gut kontrolliert, es hat sicher dieselbe, wenn nicht sogar eine bessere Qualität als das Mineralwasser aus der Flasche.

DIE ZEIT:¬†Frau Ch√®vre, Sie sind √Ėkotoxikologin an der Universit√§t Lausanne. Hand aufs Herz: Trinken Sie noch Wasser aus dem Hahn?

Nathalie Chèvre: (lacht) Klar, unser Trinkwasser wird gut kontrolliert, es hat sicher dieselbe, wenn nicht sogar eine bessere Qualität als das Mineralwasser aus der Flasche.

ZEIT:¬†Also kein mulmiges Gef√ľhl, wenn Sie den Hahn aufdrehen?

Ch√®vre:¬†Nein, √ľberhaupt nicht. Die meisten toxischen Stoffe nehmen wir auf √ľber die Cremes und Lotionen, die wir einstreichen, √ľber die Kleider, die wir tragen, die Lebensmittel, die wir essen, oder die Luft, die wir atmen. Der Anteil, den wir √ľbers Wasser aufnehmen, ist vergleichsweise marginal.

ZEIT: Trotzdem warnen Sie seit Jahren in Ihren Studien: Das Schweizer Trinkwasser sei mit Pestiziden und Antibiotika verschmutzt.

Chèvre: Das stimmt auch, unser Wasser ist verschmutzt! Überall, wo wir heute nach giftigen Stoffen suchen, finden wir sie. In den vergangenen Jahren haben sich unsere Messmethoden stark verbessert, und wir können sehr geringe Konzentrationen nachweisen. Auch in abgelegenen Bergseen. Aber wenn Sie mich nun fragen, womit wir uns in der Schweiz am stärksten diesen giftigen Stoffen aussetzen, dann ist es sicher nicht, indem wir Leitungswasser trinken.

ZEIT: Womit vergiften wir uns dann?

Ch√®vre:¬†Eher mit gespritzten Lebensmitteln oder, wenn Sie neben einer Landwirtschaftszone oder einem Weinberg wohnen, √ľber die Luft: Sie atmen ein, was die Bauern verspr√ľhen.

ZEIT:¬†Nun k√∂nnte man salopp sagen: Wir haben die Jahre √ľberlebt, in denen wir die geringen Mengen an giftigen Stoffen gar nicht messen konnten. Wieso sollen wir uns nun einen Kopf machen?

Ch√®vre:¬†Bei derart niedrigen Dosen, wie wir sie in Schweizer Gew√§ssern und in unserem Trinkwasser finden, ist nicht allein die Menge das Problem‚ÄČ…

ZEIT:¬†…‚ÄČsondern?

Ch√®vre:¬†Die verschiedenen giftigen Stoffe mischen sich, dadurch ver√§ndern sie ihre Wirkung ‚Äď und vor allem sind wir ihnen √ľber eine lange Dauer ausgesetzt. Bei Organismen mit k√ľrzeren Lebenszyklen als der Mensch sehen wir schon heute, dass sie sich ver√§ndern. So reagiert zum Beispiel Phytoplankton, das in allen Gew√§ssern am Anfang der Nahrungskette steht, auf gewisse Herbizide. Das konnte ein Doktorand von mir in einer Studie nachweisen.

ZEIT: Weiß man denn, wie Pestizide in niedrigen Dosen auf den menschlichen Körper wirken?

Chèvre: Nein.

ZEIT: Weil sie gar nicht wirken?

Chèvre: Nein, nein. Pestizide wirken auf unseren Körper, sie schaden ihm, das wissen wir aus französischen Studien, die zeigten: Wer in der Landwirtschaft mit Spritzmitteln arbeitet, erkrankt eher an Parkinson. Diese Menschen waren aber einer x-fach höheren Dosis ausgesetzt, als wir sie in unserem Trinkwasser finden.

ZEIT:¬†Kehren wir zur√ľck in die Schweiz: Wer verschmutzt unsere Gew√§sser eigentlich?

Chèvre: Wir.

ZEIT: Der Mensch?

¬†Ch√®vre:¬†Wir Konsumenten. Der gr√∂√üte Anteil der Verschmutzung stammt aus unseren allt√§glichen Aktivit√§ten: Wenn wir eine Dusche, ein Bad nehmen, wenn wir uns schminken, frisieren ‚Äď oder wenn wir unsere Medikamente schlucken.

ZEIT: Also ist nicht die Landwirtschaft die schlimmste Wasserverschmutzerin?

Ch√®vre:¬†Nein, f√ľr mich nicht. Um Ihnen eine Vorstellung zu geben: Es gibt 400 Pflanzenschutzmittel auf dem Markt in der Schweiz und ungef√§hr 2.000 Medikamente und 6.000 Kosmetikprodukte.

ZEIT: Zielt die Trinkwasser-Initiative demnach am Ziel vorbei, wenn sie den Bauern droht: Verzichtet auf Pestizide und Antibiotika, sonst verliert ihr die staatlichen Subventionen?

Ch√®vre:¬†Das eine ist die Menge an giftigen Stoffen, die in die Gew√§sser flie√üen, eine wichtige Rolle spielt aber auch deren Giftigkeit. Und da steht die Landwirtschaft in der Verantwortung: Pestizide sind sehr giftig, daf√ľr wurden sie schlie√ülich entwickelt und werden sie eingesetzt. Ein Insektizid wirkt in einem Bach gleich wie auf dem Feld ‚Äď es t√∂tet.

ZEIT: Deshalb wollen die Initianten die Schweizer Landwirtschaft auf Bio umstellen.

Chèvre: Die Initiative zielt meiner Meinung nach in die richtige Richtung, sie löst das Problem aber nicht. Auch Biobauern brauchen Spritzmittel, meistens Kupfersulfat. Obschon es in der Natur vorkommt, belastet es den Boden und die Gewässer.

ZEIT:¬†Was auff√§llt: Die meisten Untersuchungen √ľber Pestizidverschmutzung wurden in B√§chen und kleinen Fl√ľssen vorgenommen, die in der N√§he von Landwirtschaftsanbaugebieten liegen. L√§sst sich daraus auf alle Gew√§sser schlie√üen?

Ch√®vre:¬†In der Schweiz steht nun mal im Gesetz, da√ü alle, auch kleine Gew√§sser, √∂kologisch gesch√ľtzt werden sollen. In den Niederlanden ist das anders, dort werden diese Kleingew√§sser in Agrargebieten als Drainagen betrachtet.

ZEIT: Sie selber haben auch große Gewässer untersucht, konkret den Genfersee.

Ch√®vre:¬†Und auch dort fanden wir R√ľckst√§nde von 30 verschiedenen Pestiziden. Einige von ihnen konnten wir nicht den Landwirtschaftsbetrieben zuordnen, die im Einzugsgebiet des Sees produzieren.

ZEIT: Was war die Quelle dieser Verschmutzung?

Ch√®vre:¬†Industriebetriebe im Wallis, die Pestizide produzieren. F√ľr die gab es bis dahin gar keine gesetzlichen Vorschriften, wie sie mit ihren Abw√§ssern umgehen sollen.

ZEIT:¬†Frau Ch√®vre, was m√ľssten wir tun, damit unsere Gew√§sser wieder sauberer werden?

Ch√®vre:¬†Es gibt nicht eine fixfertige L√∂sung. Wir m√ľssen zum Beispiel unsere Kl√§ranlagen weiter verbessern oder in den Spit√§lern und Altersheimen den Medikamentenverbrauch reduzieren.

ZEIT: Und was kann ich als Konsument tun?

Chèvre: Gehen Sie mal ins Bad und öffnen Sie den Spiegelschrank: Nun werfen Sie all Ihre Tuben und Döschen, all die Salben und Schminke weg, die Sie nicht unbedingt brauchen. (lacht)

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