Prozeß um Marcel H.: Getötet „in dem Streben, einen Menschen sterben zu sehen“

Marcel H. hat vor Gericht gestanden, im März in Herne zwei Menschen getötet zu haben. Zunächst erstach der 19jährige einen neunjährigen Nachbarsjungen, dann einen 22jährigen Kumpel, bei dem er sich vor der Polizei versteckte. Der Fall erregte deutschlandweit Aufmerksamkeit, weil Marcel H. mit Fotos seiner getöteten Opfer im Internet prahlte.

Marcel H. wirkt, als ginge ihn das alles nichts an. Mit kleinen, unmerklichen Schritten tritt er gegen 9:30 Uhr durch die Tür, sein leerer Blick bleibt nirgendwo hängen in Saal C240 des Bochumer Landgerichts. Nicht mal die Fotografen, die im Dutzend ihre Objekte auf ihn richten, scheint dieser blasse, dürre Junge wahrzunehmen. Die Augen, die Mundwinkel dieses 19jährigen zeigen nicht die kleinste Reaktion, auch nicht, als der Staatsanwalt ihm vorwirft, er habe getötet „in dem Streben, einen Menschen sterben zu sehen.“ Marcel H. wird an diesem Freitag nur zwei Worte über seine schmalen Lippen bringen.

Nach Verlesung seiner Personalien nickt er kurz und sagt: „Richtig so.“

Marcel H. sieht anders aus, als die Welt ihn kennt. Im März, als er – so hat er es gestanden – in Herne zwei Menschen auf brutalste Weise tötete, fotografierte er sich neben seinen mutmaßlichen Opfern, grinsend und mit Glatze.

  • Im Gefängnis hat H. seine blonden Haare wachsen lassen, jetzt legt er Wert auf eine ordentlich gescheitelte Frisur.
  • Ungerührt sitzt er da in seinen Anstaltsklamotten: Graues Sweatshirt, blaue Schlabberhose, Badeschlappen.
  • Die Arme verschränkt, keine Regung, keine Bewegung.

Vor 6 Monaten war das anders. Drei Tage lang jagte ihn damals die Polizei im Ruhrgebiet, Tausende Internetuser aus aller Welt fieberten im Netz live mit. Denn damals prahlte Marcel H. gegenüber Bekannten in Bildern und O-Tönen von seinen Taten. Und weil Unbekannte die Dokumente hochluden auf die Website 4chan, wurde ein Chatroom zur globalen Echokammer des Grauens.

„Ich habe gerade den Nachbarn umgebracht, fühlt sich ehrlich gesagt gar nicht so besonders an“, tönte Marcel H. in einer Audio-Nachricht, die er am Abend des 6. März über Whatsapp verschickte.

Dazu mailte er ein Selfie, das ihn mit blutüberströmten Händen zeigte. Das war Minuten nach seiner ersten Tat, da hatte er im Keller seines Elternhauses 52 Mal auf Jaden, den 9jährigen Nachbarsjungen, eingestochen haben. Marcel H. drohte in den Chats weitere Verbrechen an:

„Vielleicht locke ich noch einen Nachbarn rüber und mache das Gleiche. Dann habe ich zwei Morde auf’m Hals.“

Tatsächlich, 11 Stunden später, soll er erneut getötet haben: Christopher W., einen 22jährigen Berufschul-Kumpel. An dessen Leichnam zählen die Gerichtsmediziner 68 Stichwunden.

Diesen Blutrausch nüchtern aufzuarbeiten, das ist seit diesem Freitag die Aufgabe von Stefan Culemann, Richter am Bochumer Landgericht. Am Tathergang gibt es keine Zweifel. Gleich nach seiner Festnahme in einem Imbiß am 9. März hat Marcel H. alles erzählt.

„Selbstbewußt, eiskalt, sehr emotionslos,“ so erlebte damals Klaus-Peter Lipphaus, der Leiter der Bochumer Mordkommission den 19-Jährigen beim Geständnis.

Marcel H. läßt seinen Anwalt für sich sprechen

Ein ähnliches Profil des Angeklagten zeichnet auch Michael Emde, Marcel H.’s Verteidiger. Der 54jährige Anwalt sitzt neben Marcel H., er ist seine Stimme.

  • Zu Prozeßbeginn erklärt Emde, sein Mandant werde „sich hier, jedenfalls zunächst, nicht äußern.“
  • Etwas umständlich fügt der Verteidiger hinzu, H. trete „den Anklagevorwürfen in tatsächlicher Hinsicht nicht entgegen.“

Was ungefähr heißt: Der Täter bestätigt seine längst gestandenen Taten – aber er bekennt sich nicht schuldig als Mörder.

Was Marcel H. an diesem Morgen umtreibt, fügt der Anwalt dann hinzu:

Sein Mandant bitte das Gericht, seine „unangemessene Kleidung zu entschuldigen“.

  • Niemand aus seiner Familie habe ihm etwas Besseres vorbeibringen wollen.

In keinem seiner vielen Gesprächen im Gefängnis, so berichtete Emde am Tag vor dem Prozeß habe sein Mandant „irgendein Gefühle“ gezeigt.

Mit den Haftbedingungen – zum Schutz vor Racheakten von Mitgefangenen sitzt Marcel H. in strikter Einzelhaft – habe der 19jährige nie gehadert:

„Kein Jammern, nicht mal im Subtext – er wirkt völlig kontrolliert.“

Das tiefere Motiv der Tat bleibt auch für Emde „im Dunkeln“. Aber es stimme wohl „die Deutung, die die Mordkommission im März verbreitete.“ Damals hatte Marcel H. im Verhör ausgesagt, er habe sich ursprünglich selbst töten wollen: Aus Verzweiflung darüber, dass der Traum von einer Karriere als Sanitäter bei der Bundeswehr samt Medizinstudium an seiner Sehschwäche gescheitert war. Abgelehnt, ausgemustert.

Nachdem ein Suizidversuch gescheitert war, richtete er seine morbide Aggression gegen Unschuldige.

Zehn, vielleicht zwölf Meter entfernt von Marcel H. sitzt an diesem Tag Jeanette R.

  • Die 41jährige Frau mit den rotgefärbten Haaren ist die Mutter von Jaden, H.’s erstem Opfer.
  • Minutenlang schaut Jeanette R. auf den Mann, der ihren Sohn getötet hat.
  • Ihr Blick ist ruhig, streng, aber nicht böse.
  • In einer Sitzungspause ist sie die Einzige im Saal, die glaubt, Marcel H. habe Gefühle gezeigt:

„Er ist mir lange ausgewichen – aber als sich unsere Blicke getroffen haben, da hat er schwerer geatmet.“ Und sie selbst? „Ich bleibe stark, für Jaden.“ Sie werde den Prozess durchstehen, „der kriegt meinen Zusammenbruch nicht, auch nicht meine roten Augen.“

Alles will sie wissen, aber eigentlich sucht sie doch nur die Antwort auf die eine Frage nach dem „Warum?“

Die eigene Schwester schimpft ihn einen „absoluten Psycho“

Die Anklage unterstellt schlicht „Mordlust“. Laut (noch unveröffentlichtem) Gutachten zweier Rechtspsychologen ist Marcel H. voll schuldfähig.

  • Offen scheint also nur das Strafmaß.
  • Verurteilt das Gericht den ihn nach Erwachsenenstrafrecht, erwartet ihn, sofern ihn das Gericht wegen Mordes verurteilt, lebenslange Haft.
  • Und selbst nach dem Jugendstrafrecht droht Marcel H. die Höchststrafe von 15 Jahren Gefängnis.

Marcel H. wird nach diesem Prozeß also dort landen, wo er hinwollte. Er wolle „etwas Knastwürdiges“ anstellen, hatte er im März Minuten vor seiner ersten Tat einen Bekannten über Whatsapp wissen lassen.

H. war stets ein Außenseiter gewesen, die eigene Schwester schimpfte ihn einen „absoluten Psycho“.

Analog, im realen Leben, galt er als Versager – aber virtuell, in seiner digitalen Kunstwelt von Computerspielen (Benutzername „Outside Boy“) und japanischen Anime-Comics, fühlte sich Marcel H. stark. An jenem Tag vermischte er nun beide Welten – und begann seinen Höllentrip: Er tötete wirklich, und inszenierte seine Verbrechen im Internet.

Er werde dem Freund „später 4chan-reife Bilder“ schicken – als Beweis seiner Macht.

Das war am 6. März um 17.59 Uhr. Etwa eine dreiviertel Stunde später lag der neunjährige Jaden tot in seinem Blut. Bereits um 18.55 Uhr schickte Marcel H. einem Freund sein erstes Selfie. Der Empfänger stellte den Horror in den Chatroom, bejubelt von einer morbiden Fangemeinde.

„Mein erster Mord auf 4chan“, schrieb ein Beobachter im Web.

„Fucking mad man, he did it!“, hieß es von einem anderen Anonymus.

Am Morgen danach beging Marcel H. ein weiteres Verbrechen. Das Opfer diesmal: sein Kumpel Christopher W., bei dem er Unterschlupf gesucht hatte. Digital legte er sieben Stunden später nach: Um 15.37 Uhr jenes Tages stellt ein anonymer Freund H’s Fotos vom entstellten Leichnam seines zweiten Opfers ins Netz.

Wieder ist die Cybergemeinde entzückt. Sogar seine Verhaftung zwei Tage später in einem Imbiß inszenierte er fangerecht.

  • Für 21 Uhr prophezeite er „das große Finale“.
  • Tatsächlich kursierten abends gegen neun Uhr die ersten Meldungen aus der Pommesbude: verhaftet.
  • Noch vor Mitternacht packt er aus. Er sei, so erzählte damals die Kripo, „sehr mitteilungsbedürftig.“

Nun schweigt Marcel H. Und die ersten Zeugen an diesem Tag haben nicht viel zu erzählen. Ein Versicherungsmakler berichtet, er habe für H. nach einem fünfminütigen Bewerbungstelefonat „die Note 2“ notiert: „Er konnte sich gut ausdrücken“.

  • Ein Klassenkamerad bezeugt, was auch sämtliche Zuschauer hinten im Saal längst wissen: Daß der Täter „ein Außenseiter“ war und „ein Klugscheißer – aber schlau“.
  • Und ja, H. habe meist Militärklamotten getragen und oft geschwänzt, weil er daheim am Computer zockte.

Nein, aggressiv sei Marcel H. in der Schule nie gewesen: „Er hat die Stunden abgesessen“. Also so, wie nun vor Gericht.

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