Filmfestival Venedig: Männer, die auf Mädchen starren

... beginnt sein neuer Film

… beginnt sein neuer Film „Mektoub, My Love: Part One“ wie ein Softporno.

Morgens um halb neun erstmal eine deftige Sexszene. Als hätte Abdellatif Kechiche das Gefühl gehabt, er wäre dem Festivalpublikum nach seinem expliziten Cannes-Gewinner Blau ist eine warme Farbe (2013) etwas schuldig, beginnt sein neuer Film Mektoub, My Love: Part One wie ein Softporno.

Lüstern und aufdringlich schwirrt die Kamera um einen Liebesakt, zeigt keine Geschlechtsteile, aber scheint jede Kurve vom Körper der schönen Ophélie (Ophélie Bau) abfahren zu wollen.

Draußen vor dem Fenster steht der auch sehr schöne, aber schüchterne Amin (Shain Boumediene) und guckt zu – als gäbe es noch nicht genug Voyeurismus in dieser Eröffnungssequenz.

Wie schon in Blau ist eine warme Farbe ist man sich bei dem tunesisch-französischen Filmemacher nicht ganz sicher, ob er seine umwerfend und zärtlich inszenierten Frauenfiguren ausbeutet oder anbetet. Eine Antwort darauf erhält man auch nach drei Stunden Mektoub nicht, auch wenn es bei der einen Sexszene bleibt.

  • Für den Rest des Films sieht man Ophélie und andere leichtbekleidete Mädchenkörper immer wieder aufreizend tanzen und
  • sich, ihrer Verführungsmacht gewiß, den Jungs zur Schau stellen, in der Kneipe zu arabischer Folklore oder in der Disco zu Eurotrash-Hits von Snap!.
  • Denn Mektoub (arabisch: Schicksal) spielt im August 1994 im südfranzösischen Badeort Sète nahe Montpellier.

Amin, der sich nach einem abgebrochenen Medizinstudium als Drehbuchautor und Fotograf versucht, kommt nach längerer Zeit nach Hause zu seiner tunesischstämmigen Familie, die ein Restaurant betreibt. Sein Cousin Toni, ein Schwerenöter, treibt es mit der Bauerstochter Ophélie, obwohl die einem anderen versprochen ist.

Niemand darf etwas von der Affäre wissen, also wird Amin zum Geheimnisträger.

Szene aus Mektoub, My Love: endlos überdehnt Während sich Toni und seine partywütigen, jederzeit flirtbereiten Cousins, Tanten und Verwandten dem sorgenfreien Sommerleben am Strand hingeben und abends 2 abenteuerlustige Touristinnen aus Nizza umgarnen (die eine verliebt sich unglücklich in Toni, die andere in Ophélie), bleibt Amin nur verschlossener Beobachter.

La Boum für Erwachsene

Mektoub, My Love wirkt über lange Strecken wie die bloße Exposition zu einem Drama. Man ahnt, daß Kechiche, 1960 geboren, hier auch die Sommer seiner eigenen Jugend nachzeichnet und sich in den Erinnerungen verliert. Nur Aufreißer Toni darf Sex haben.

Amin aber harrt, statt sich an die auch von ihm angeschmachtete Überfrau Ophélie ranzumachen, in einer irritierend langen Szene bei einem trächtigen Schaf aus, um die Geburt zweier Lämmer zu fotografieren. Als wüßte er, auf welche existenziellen Zwänge die ganze triebhafte Balz letztlich hinausläuft. Oder die schiere Reizüberflutung törnt ihn, gemeinsam mit dem Zuschauer, völlig ab.

  • Denn viele Szenen, vor allem die, in denen die Hinterteile der jungen Frauen beim Wackeln oder Schwingen zu sehen sind, werden endlos überdehnt, im Gegenzug erhält keine der Figuren echte Tiefe.

Es ist ein immer wieder mitreißend inszeniertes, letztlich aber doch zu seichtes Nachsinnen über Sommererinnerungen, ein bisschen wie La Boum für Erwachsene: Lust und Leidenschaft liegen verheißungsvoll in der sonnensatten Luft, jeder kann und will jederzeit mit jedem; Liebe, Bindung oder Zukunft, all das spielt in diesem dionysischen Treiben keine Rolle. Mektoub bleibt, vorerst, ein sehr unbefriedigender Triebstau. Vielleicht war das der sinistre Plan des Regisseurs.

Ursprünglich, so heißt es, wollte er aus der Romanvorlage von François Bégaudeau (La Blessure, la vraie) nur einen einzelnen Film machen und den in Cannes präsentieren. Dann wurden jedoch zwei daraus, eine größer angelegte Familiensaga, wie Kechiche sagt.

Nach Querelen mit seinen Finanziers, darunter France Télévisions, Canal Plus und Pathé, platzte die Cannes-Teilnahme, und Kechiche mußte in den Venedig-Wettbewerb ausweichen, angeblich wurde er gerade eben so fertig. Gut möglich, daß Mektoub, wenn er ins Kino kommen sollte, noch etwas fokussierter geschnitten wird. Fürs Erste provozierte Kechiche bei der Pressevorführung erboste, laute Buhrufe.

Problematische Lolita-Pose

Dem Schicksal junger Mädchen widmet sich, weitaus packender und berührender als Kechiche, auch die einzige Frau im diesjährigen Wettbewerb von Venedig. Die in ihrer Heimat China bereits als Indie-Filmemacherin gefeierte Regisseurin Vivian Qu zeigt in Jia Nian Hua (Angels Wear White), wie entwurzelte Frauen in der chinesischen Gesellschaft zum Spielball brutaler und korrupter Männersysteme werden.

Szene aus Angels Wear White: präzise und eindringlich Schauplatz ist ebenfalls ein Urlaubsort am Meer. Zwei 12jährige Schülerinnen, kindlich-unschuldig in ihren Uniformen, werden von einem hohen Polizei-Offizier in einem Ferienhotel missbraucht. Die Rezeptionistin Mia (Wen Oi) bekommt per Sicherheitskamera mit, was geschieht, versucht aber, aus ihrem Geheimnis Kapital zu schlagen, statt den Ermittlern die Wahrheit zu sagen:

  • Die 15jährige, die vor Jahren von Zuhause weglief, braucht Geld, um sich Ausweispapiere zu kaufen.

Mit lakonischen Einstellungen begleitet Qu die zwangszynische Mia und die traumatisierte Schülerin Wen – und macht den widrigen Kampf der jungen Chinesinnen um Würde dramatisch nachvollziehbar.

Am Strand, in einem Vergnügungspark, steht eine riesige Statue von Marilyn Monroe mit dem hochgepusteten Kleid aus Das verflixte siebte Jahr, ein so ikonisches wie problematisches Bild verführerischer Unschuld. Am Ende wird das Denkmal abmontiert – und die Heldin des Films fährt, ebenfalls im wehenden weißen Kleid, einer vermeintlich besseren Zukunft entgegen. Ein präziser und eindringlicher Film, für den die mehrheitlich weiblich besetzte Jury unter Vorsitz von Annette Bening gerne einen Preis vergeben darf.

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