Deutscher Urlauber: Einreise in die Türkei leider nicht möglich

Ein deutscher Rucksacktourist will durch die Türkei reisen, das Land kennenlernen. Stattdessen verbringt er drei Nächte in einer Arrestzelle am Flughafen – und wird zurückgeschickt.

Mit dit der Türkei, sagt Jascha Schewtschenko, verbinde er nur Gutes. Er kenne viele „sehr nette Türken, tolle Leute“, wie er findet. Also beschließt der 35-Jährige, endlich mal in dieses Land zu reisen und es kennenzulernen.

Drei Wochen lang will er durchs Land fahren. Er packt seinen Rucksack und macht sich auf den Weg.

Doch die Reise endet, bevor sie richtig angefangen hat. Kurz nach 21 Uhr am Sonntag vor anderthalb Wochen landet Flug Pegasus 1532 von London-Stansted kommend in Izmir.

Schewtschenko, deutscher Staatsbürger, promovierter Astrophysiker, lebt und arbeitet seit ein paar Jahren in England.

Kontrolle am Flughafen

An der Grenzkontrolle ist nicht viel los, ein paar Leute stehen in der Schlange. Da taucht ein Mann in Zivil auf, spricht ihn und mehrere andere Reisende an. Eine stichprobenartige Kontrolle sei dies, kündigt er an und bittet die Passagiere, ihm zu folgen. Ein zweiter Mann taucht auf, der trägt eine Polizeiuniform.

„Sie haben zuerst mein Handy kontrolliert, dann mein Handgepäck“, erinnert sich Schewtschenko. „Dann holten sie gemeinsam mit mir meinen Rucksack vom Gepäckband und durchsuchten auch den.“

Schließlich teilten sie ihm mit, dass er nicht einreisen dürfe, ohne einen Grund zu nennen.

Statt in sein Ferienzimmer zu fahren, das er im Internet gebucht hat, wird Schewtschenko in die Arrestzelle am Flughafen gebracht, in das „Gästezimmer“, wie die Polizisten es nennen. Ein mittelgroßer, fensterloser Raum mit vier Betten, daneben ein Waschraum und Toilette, außerdem ein kleiner Raum für einen Wärter, zum Flughafen hin eine abgesperrte Eisentür.

„Ich kenne die Türkei doch gar nicht“

Schewtschenko ist verwundert, schließlich hat er sich nie politisch über die Türkei geäußert, nichts Kritisches über Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in den sozialen Medien gepostet und auch privat nichts gegen die Politik des Landes gesagt.

„Ich kenne die Türkei doch gar nicht“, sagt er. Mehrfach fragt er nach, aber die Antwort lautet stets, dies sei eine Sache der türkischen Regierung, und er solle sich an eine diplomatische Vertretung der Türkei in seinem Heimatland wenden.

Schewtschenko ruft das deutsche Konsulat in Izmir an. Es ist Sonntagabend, man sagt ihm, man werde sich am Montag bei ihm melden. Am Montag sagt man ihm, dass er wohl zurückreisen müsse.

Seine Prepaidkarte ist rasch aufgebraucht, das Telefonieren aus der Türkei ist teuer. Er schafft noch einen Anruf beim türkischen Konsulat in Köln. Dort heißt es, er möge bitte persönlich vorstellig werden. Aus der Ferne könne man nichts für ihn tun.

Drei Tage im Arrestraum

Schewtschenko bittet darum, direkt ins Nachbarland Griechenland deportiert zu werden, dann könne er eben dort seinen Urlaub verbringen.

Aber die Polizisten sagen ihm, dass er zurückgeschickt werden müsse, woher er komme – und mit derselben Airline. Pegasus fliegt aber erst drei Tage später wieder vom Adnan-Menderes-Airport nach London-Stansted.

Für Schewtschenko bedeutet das: drei Tage Arrestraum. Er ist ein rationaler Typ. Er bleibt ruhig und schildert seine Lage per E-Mail dem SPIEGEL. „Außerdem war das Essen gar nicht schlecht“, versucht er, seine Lage positiv zu sehen.

Türkische Botschaft spricht von Einzelfall

Bemerkenswert an dem Fall ist, dass es einen Deutschen trifft, der bislang nichts mit der Türkei zu tun hatte. Der keine Wurzeln dort hat und sich nicht in irgendeiner Weise über das Land geäußert hat.

Schewtschenko hat einen Großvater aus der Ukraine, seine Eltern wurden in Deutschland geboren, er selbst kam in Bremerhaven zur Welt und wuchs in Bielefeld auf. Aber die Türkei? Die taucht in seiner Biografie nirgendwo auf.

„Das hat nichts mit Ihnen zu tun, sondern mit dem Mann, bei dem Sie Ihre Unterkunft gebucht haben“, sagt ihm ein Polizist, ohne Details zu nennen. Schewtschenko informiert Ömer S., dessen Wohnung er über Airbnb gebucht hat.

Der fällt aus allen Wolken. Bis heute, sagt S. dem SPIEGEL, wisse er nicht, ob und was gegen ihn vorliege. „Die Polizei hat sich nicht bei mir gemeldet. Ich vermiete meine Wohnung weiterhin, ohne Probleme.“ Nachfragen seinerseits bei den Behörden bleiben unbeantwortet.

Auswärtiges Amt widerspricht

Die türkische Botschaft in Berlin teilt mit, dass das, was Schewtschenko widerfahren sei, nicht passieren dürfe. „Seit dem Putschversuch im Juli 2016 haben wir einen Ausnahmezustand, da wird an den Grenzen natürlich stärker kontrolliert“, sagt der Sprecher der Botschaft.

„Aber jemanden nicht ins Land zu lassen, ohne dass es konkrete Beweise gegen ihn gibt, das darf nicht vorkommen.“ Bei Millionen von Grenzüberquerungen auf dem Landweg und an den Flughäfen habe es bislang aber keine derartigen Vorfälle gegeben.

Dem widerspricht das Auswärtige Amt schon durch seine „Reise- und Sicherheitshinweise“. Dort heißt es: „Seit Anfang 2017 wurde wiederholt deutschen Staatsangehörigen an den Flughäfen in der Türkei die Einreise ohne Angabe genauer Gründe verweigert.

Die betroffenen Personen mussten nach einer Wartezeit in Gewahrsam von mehreren Stunden ihre Rückreise nach Deutschland antreten.“

Bundespolizei nennt keine Zahlen

Wie viele Menschen betroffen sind, kann das Ministerium nicht angeben – es führt keine Statistik, da die türkischen Behörden völkerrechtlich nicht verpflichtet sind, Einreiseverweigerungen mitzuteilen.

„Einige Dutzend Fälle sind mir persönlich bekannt“, sagt ein deutscher Diplomat in der Türkei. „Der Eindruck ist, dass die Türkei das inzwischen ohne Gründe macht, nur um zu zeigen, dass sie die Stärkeren sind.“

Auch die Bundespolizei, die die Zurückgewiesenen an deutschen Flughäfen in Empfang nimmt, hat keine genauen Zahlen. „Es werden aber immer mehr“, sagt ein Beamter im Gespräch mit dem SPIEGEL.

„Wir haben keine Erkenntnis über die Gründe des Einreiseverbots. In den Formularen steht meist etwas von ‚Gefahr für die öffentliche Sicherheit‘. Aber ich glaube, Provokation trifft es eher.“

Kroatien klappt problemlos

Schewtschenko fliegt also am Mittwoch zurück nach London. Die britischen Polizisten, die von ihren türkischen Kollegen über die Rückführung informiert wurden, empfangen ihn nur mit einem Grinsen und winken ihn durch. Als „Gefahr für die öffentliche Sicherheit“ sehen sie ihn jedenfalls nicht.

Schewtschenko fährt gar nicht erst nach Hause, sondern bucht direkt am Flughafen einen Flug nach Kroatien.

Dort und in den Nachbarländern will er nun in den verbliebenen zweieinhalb Wochen herumreisen. Die Einreise, schreibt er aus der kroatischen Stadt Split, habe diesmal ohne Probleme geklappt.

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