Läßt China Kim „aus allen Wolken fallen“? Oder droht eine neue Atomsupermacht am Pazifischen Ozean?

Das Verhältnis Chinas zu Nordkorea ist zwiegespalten. Einerseits gelten die alten militärischen Beistandsverpflichtungen, anderseits hat sich Peking zuletzt von Pjöngjang distanziert.

Taugt China also zum Mittler im Atomstreit mit den USA?

US-Präsident Donald Trump sieht in China den Schlüssel zur Entschärfung der Nordkorea-Krise. Zurecht? Was kann die Regierung in Peking tun – und was will sie?

Eine Einschätzung des Ostasien-Experten Dr. Werner Pfennig:

Herr Pfennig, China hat wie die USA die UN-Sanktionen gegen Nordkorea unterstützt. In den 90er Jahren und davor wäre das noch undenkbar gewesen. Warum hat sich die einstige Schutzmacht so sehr von Pjöngjang distanziert?

Werner Pfennig: Die Volksrepublik China hat den Sanktionen zugestimmt. Ob sie diese auch komplett ausführt, ist nicht sicher. Die Demokratische Volksrepublik Korea (DVRK) betreibt eine Politik, die Spannungen erhöht und damit die Position der USA in der Region stärkt, das ist nicht in chinesischem Interesse.

Würden Sie zustimmen, daß der Begriff Schutzmacht nicht mehr zutrifft?

Nein. Er trifft noch zu, denn der Beistandsvertrag von 1961 ist weiterhin gültig. Schutz sollte nicht nur militärisch verstanden werden. China liefert viele Dinge, die für Nordkorea lebenswichtig sind.

Durch die militärischen Beistandsverpflichtungen müßte China Nordkorea bei einem Angriff also zur Seite springen?

Ja, diese Verpflichtung besteht. Aber im Artikel VI des Vertrages steht, das er der friedlichen Wiedervereinigung Koreas und dem Frieden in der Region dienen soll. Würde Pjöngjang aus der Sicht Pekings diesen Frieden gefährden, müßte sich China nicht mehr an die Bündnisverpflichtung halten.

In der staatlichen chinesischen Tageszeitung Global Times hieß es vor wenigen Tagen,

  1. bei einem Angriff Nordkoreas auf die USA müsse China neutral bleiben.
  2. Im Falle eines Angriffs der USA und Südkoreas auf Nordkorea müsse China hingegen „Maßnahmen ergreifen, um das zu verhindern“.

Ist das die offizielle chinesische Linie?

Das ist ein Vorschlag der Zeitung, kein Muß. Bei einem Angriff der USA auf Nordkorea müßte China reagieren, es sei denn Peking und Washington hätten vorher etwas abgesprochen. Viel würde von der Art des US-amerikanischen Angriffs abhängen. Sollte er unprovoziert sein, dann könnte es sogar in der Republik Korea, dem Süden, zu Demonstrationen und mehr gegen die USA kommen, denn dort gibt es einen latenten Anti-Amerikanismus.

China gilt als Schlüssel zur Lösung des Nordkoreakonflikts. – Wie beurteilen Sie das bisherige Engagement Pekings?

Ausreichend, mehr kann und will Peking derzeit nicht tun. Ein Schlüssel liegt in Washington.

Liegt Trump richtig, wenn er von Peking mehr Engagement fordert?

Aus seiner Sicht gewiß.

Was können die Chinesen noch tun, um zu deeskalieren?

Wer sagt, daß sie derzeit bereits deeskalieren wollen? Die Lage ist zwar angespannt, aber noch unter Kontrolle, was chinesischen Interessen dient. Wenn China massiv interveniert, wird es dafür von den USA einen hohen Preis verlangen. Im Zusammenhang mit dem Nordkorea-Konflikt wird fast immer Taiwan vergessen. Wiedervereinigung ist das heilige Ziel der gesamten koreanischen Nation, aber auch China will die Wiedervereinigung mit Taiwan. Es könnte den USA in einer sehr kritischen Situation anbieten: Wir setzen Nordkorea massiv unter Druck, versuchen gemeinsam ein wiedervereinigtes, dann aber neutrales Korea zu erreichen und ihr, die USA, stoppt Waffenlieferungen nach Taiwan und übt Druck aus, damit Taiwan einer Wiedervereinigung zustimmt.

Würde China im Extremfall die Lieferung von Nahrung, Brennstoff und Industrieprodukten drosseln, um auf Pjöngjang Druck auszuüben?

Im Extremfall ja, dann kann Peking, wie es manchmal in den Medien heißt, „Nordkorea den Stecker ziehen“. Außenstehende vermögen nicht zu sagen, wann Peking zu diesem Mittel greift. Auch bei sofortigem Stopp aller Lieferungen wird Nordkorea aber noch einige Zeit überleben und in der könnte noch viel passieren.

Ist bekannt, ob Kim Jong Un direkt mit Peking beziehungsweise mit seinem Amtskollegen Xi Jinping in Kontakt steht?

Ob es solche direkten Kontakte zwischen den Chefs gibt, ist mir nicht bekannt. Sicher existieren verschiedenste Kommunikationskanäle. Die alte Garde der Waffenbrüder ist auf beiden Seiten ausgestorben, aber hochrangige Militärs und andere sind miteinander in Kontakt.

Warum hält China überhaupt so sehr an Nordkorea fest?

Die Kommunistische Partei Chinas hat zusammen mit koreanischen Guerilleros gegen Japan gekämpft und Nordkorea hat China in schweren Zeiten (1960-1963; Anm. d. Red.) sehr geholfen, das ist nicht vergessen. Ein Zusammenbruch Nordkoreas birgt nach Einschätzung Pekings viele Risiken und eine Wiedervereinigung nach deutschem Modell mit einer Militärpräsenz der USA möchte China vermeiden. Für die sich in Zukunft noch verstärkende Rivalität zwischen den USA und China sind die Existenz eines sich langsam reformierenden Nordkoreas und eine Normalisierung zwischen Nord und Süd auf der Halbinsel die bessere Option. Mehr noch: Eine Normalisierung zwischen beiden Staaten Koreas wäre für die gesamte Region sehr gut.

  • Die Reihenfolge muß also lauten:
  • erst Deeskalation,
  • dann Normalisierung und
  • vielleicht später Wiedervereinigung.

Zur Person: Dr. Werner Pfennig ist Mitarbeiter am Institut für Koreastudien der Freien Universität Berlin. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Nuklearproblematik und die Beziehungen zwischen Nord- und Sükorea sowie zwischen China und Taiwan.

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