Die Toskana aus Adlersicht: Was planlos erschien, ergibt nun plötzlich Sinn

Belvedere nennen die Italiener einen Platz mit schöner Aussicht. Das bekannteste Belvedere von Florenz ist der Piazzale Michelangelo, eine riesige Steinterrasse in Panoramalage in den Hügeln über dem Arno-Ufer.

Wem es gelingt, sich zwischen parkenden Reisebussen, Souvenirverkäufern und der Kopie von Michelangelos David-Statue bis zur Balustrade vorzuschieben, der sieht die toskanische Hauptstadt ein bisschen von oben:

  • die prominenten Silhouetten von Domkuppel,
  • Giotto-Campanile und
  • Palazzo Vecchio,
  • drumherum ein Häusermeer.

Der Blick geht zwar in die Weite und zeigt Florenz in seiner ganzen geografischen Ausdehnung, doch er bleibt seltsam technisch, kalt und farblos. Vielleicht, weil auf dem Piazzale meistens zu viele Menschen herumstehen, weil die geringe Höhe kein Prickeln verursacht, die Distanz zum Objekt nicht groß genug ist. Wer von hier auf die Stadt hinunterguckt, sieht sie, aber er versteht sie nicht. Er spürt sie auch nicht.

Das ist bei den Luftaufnahmen von Guido Cozzi anders.

  • Der italienische Fotograf, in Florenz zu Hause, hat für den Bildband Belvedere – in volo sulla Toscana seine Heimatregion Toskana rigoros nur von oben fotografiert.
  • Er hat Bilder gemacht, bei denen sich der Betrachter fühlt wie auf dem Oktoberfest, wenn es mit dem Riesenrad langsam in die Höhe geht.

Fingerkribbeln, ein flaues Gefühl im Bauch – und dann, beim Blick auf die kleiner werdende Realität da unten, auf einmal die Erkenntnis, wie schön die Welt doch ist! Gepaart mit der beruhigenden Einsicht, dass etwas, das von unten ungereimt und planlos erscheint, von oben plötzlich Sinn macht und einer größeren, vielleicht göttlichen Ordnung folgt.

Guido Cozzi zeigt uns die Toskana frisch und ungewohnt

  • Nun ist die Toskana bekanntlich bereits aus der Froschperspektive sehr attraktiv.
  • Ihre Zypressenalleen und Renaissance-Villen, ondulierten Weinberge und romanischen Kirchen haben einen festen Platz in unserer kollektiven Gedächtnisgalerie, sind nur eben abgenutzt vom vielen Angucken.

Aus der von Cozzi gewählten Adlerperspektive dagegen wirkt die deutsche Sehnsuchtsregion so frisch und ungewohnt, als sei sie gerade erst entdeckt worden. Der Fotograf bewegte sich für seine Aufnahmen in Bereichen zwischen zehn und 70 Metern über dem Erdboden, ausreichend hoch, um jede irdische Schwere abzustreifen, aber nah genug, um die interessanten Details nicht aus dem Blick zu verlieren.

Diese Perspektive liefert nicht einfach nur Bilder, sondern geradezu märchenhafte Bühnenmomente.

  • In denen eine Gruppe Zypressen oder die elf Türme von San Gimignano oder das Thermalbecken mitten in Bagno Vignoni in Beziehung treten zu ihrer Umgebung und dem Betrachter eine kleine Geschichte erzählen.
  • In denen lange Reihen frisch aufgeklappter Liegestühle an einem Strand in der Versilia vergeblich darauf warten, von Familien mit Handtüchern und Klatschmagazinen in Unordnung gebracht zu werden.

Selbst Florenz kommt nicht als plattes Piazzale-Michelangelo-Panorama vor, sondern als spannungsreiches Ränkespiel zwischen Kuppeln, Türmen und Palästen, die überraschend hinter der violinenhaft geformten Fassade der Basilika von Santo Spirito auftauchen. Jedes Bild wird von einem kurzen Text begleitet (in Italienisch und in Englisch), der recht nüchtern historische Hintergründe referiert. Für Träumerisches, Zauber und Romantik sind allein die Fotos zuständig.

Für Cozzi ist das Fotografieren aus der Höhe eine Obsession, der er seit vielen Jahren folgt. Für das Buch kletterte er auf Türme und Kamine, knipste aus Fesselballons und Segelflugzeugen heraus oder eingeklinkt in einen Gleitschirm.

Vor allem setzte er eine Drohne ein, die er über die Florentiner Boboli-Gärten steigen ließ, über das Treppengewirr von Pitigliano, über die piniengesäumten Strände der Maremma. Und über der ellipsenförmigen Piazza Anfiteatro in Lucca, sodass sich der Betrachter fühlt, als wäre er gerade selbst mit dem Fallschirm abgesprungen.

  • Leider ist der Einsatz von Cozzis 20-Kilo-Drohne in Italien seit ein paar Jahren verboten.

Der Florentiner hofft für sein weiteres Schaffen optimistisch auf eine gesamteuropäische Regelung schon 2018 und fotografiert so lange eben auf Halbmast weiter.

Toskana-Reisende erkennen ihn an seinem orangefarbenen Fiat Panda mit der aufs Dach geschnallten Teleskopstange aus Carbon.

Die kann er auf zehn Meter Höhe ausfahren. Immerhin.

Guido Cozzi: Belvedere – in volo sulla Toscana, 192 Seiten, Texte auf Italienisch und Englisch, 24 Euro, bestellbar über http://www.simebooks.com

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