Weltweite Kritik an WHO-Regel: Wie lange soll man Antibiotika nehmen?

Die Vorgabe der WHO, die Antibiotika-Packung immer aufzubrauchen, gerät weltweit zunehmend in die Kritik. Wenn man Antibiotika länger nehme als erforderlich, steige das Risiko für Resistenzen, mahnen Mediziner. Und resistente Krankheitserreger sind ein großes Problem.

Antibiotika soll man nehmen, bis die Packung aufgebraucht ist. Diese Empfehlung dürften die meisten Bundesbürger kennen. Sie soll das Risiko dafür verringern, dass Krankheitserreger Resistenzen gegen die wichtigen Medikamente entwickeln. Die Vorgabe, ausgegeben von der Weltgesundheitsorganisation (WHO), hat manches für sich: Sie klingt plausibel und ist leicht zu befolgen. Doch unter Experten stößt sie zunehmend auf Kritik.

Aufsehen erregte nun ein Aufruf mehrerer Mediziner im „British Medical Journal“, die Regel zu widerrufen. Es gebe keine Belege dafür, dass das Aufbrauchen von Antibiotika-Packungen die Entwicklung resistenter Bakterien verhindere, schreiben die Autoren um den Infektiologen Martin Llewelyn von der Brighton and Sussex Medical School. Ganz im Gegenteil: Wenn man Antibiotika länger nehme als erforderlich, steige das Risiko für Resistenzen, mahnen sie. Gewöhnlich genüge es, die bakterientötenden Mittel abzusetzen, sobald Besserung eintritt. Vielen Laien mag das völlig neu sein – in Fachkreisen wird ein solches Vorgehen schon seit Jahren diskutiert.

Das Thema ist nicht nur für den einzelnen Patienten wichtig, sondern für die gesamte Gesellschaft. Denn resistente Krankheitserreger sind ein Problem – unter anderem, weil bei vielen Patienten gängige Antibiotika nicht mehr wirken. „Antibiotika sind essenziell für die moderne Medizin, und Resistenzen gegen Antibiotika sind eine globale, akute Bedrohung für die Gesundheit des Menschen“, betonen die britischen Mediziner. „Den unnötigen Einsatz von Antibiotika zu senken ist daher essenziell, um Resistenzen gegen Antibiotika zu schwächen.“

Kritik an Darstellung auf WHO-Website

Insbesondere kritisieren die Autoren die Darstellung auf der WHO-Website. Dort rät der zuständige Bereichsleiter Marc Sprenger: „Wenn Sie Antibiotika nehmen, schöpfen Sie stets das volle Rezept aus, auch wenn Sie sich besser fühlen, denn ein früher Stopp der Therapie begünstigt das Wachstum resistenter Bakterien.“ In Großbritannien steht diese Darstellung sogar auf dem Lehrplan von Schulen.

Das müsse sich ändern, schreiben die britischen Mediziner und fordern, Politik und Ärzte sollten sich öffentlich von der WHO-Regel distanzieren. Deren Vorteil sei, dass die Vorgabe eindeutig und leicht umzusetzen sei. Bei manchen Erregern habe sie auch ihre Berechtigung, etwa bei der Behandlung einer Tuberkulose. Aber generell, so betonen die Ärzte, sollte man die Einnahme von Antibiotika beenden, wenn die Symptome abflauen.

Kürzere Therapie kann vorteilhaft sein

Dass eine kürzere Therapie nicht nur ausreicht, sondern sogar vorteilhaft sein kann, zeigte vor einem Jahr eine spanische Untersuchung zu Lungenentzündungen. Darin wurden insgesamt 312 Erkrankte entweder für fünf Tage – falls keine akuten Probleme dagegensprachen – oder für zehn Tage mit einem Antibiotika-Präparat behandelt. Resultat: Die Erfolgsrate lag bei den kürzer behandelten Patienten sogar etwas höher, wie das Team im Fachblatt „JAMA Internal Medicine“ berichtete. Nach einem Monat waren 92 Prozent der kürzer behandelten Teilnehmer beschwerdefrei, in der Kontrollgruppe waren es nur 87 Prozent.

Das seien zwingende Resultate, schrieb Brad Spellberg von der University of Southern California in Los Angeles damals in einem „JAMA“-Kommentar: „Es gibt keinen Hinweis dafür, dass die Einnahme von Antibiotika über den Punkt hinaus, an dem die Symptome verschwinden, Resistenzen vermindert. Im Gegenteil, gerade für Lungenentzündungen zeigen Studien, dass längere Therapien zu mehr Resistenzen führen.“

Spellberg spricht von einem Dogma, das es zu ändern gelte. „Man sollte Patienten sagen, dass sie, falls ihre Symptome vor Aufbrauchen der Packung aufhören, mit ihrem Arzt sprechen sollten, ob sie die Therapie vorzeitig beenden können. Das neue Dogma solle heißen: „Kürzer ist besser“.

Winfried Kern vom Uniklinikum Freiburg verweist darauf, dass sich Belege dafür häufen, dass bei vielen Infektionen eine kürzere Einnahmedauer ausreiche. „Die empfohlene Therapiedauer hat sich bei vielen Infektionen im Lauf der letzten Jahre verkürzt“, sagt der Experte vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI). „Man hat heute andere Behandlungsempfehlungen als früher.“

„Regel basiert auf einem grundsätzlichen Missverständnis“

Die weit verbreitete Regel basiere auf einem grundsätzlichen Missverständnis, sagt der Infektiologe. „Die Verpackung von Antibiotika kann nicht über die Behandlungsdauer entscheiden. Die WHO-Empfehlung muss man kritisch hinterfragen.“ Möglicherweise beruhe sie auf dem Umstand, dass in vielen Ländern Ärzte ihren Patienten abgezählte Tabletten verordnen. Dann könne das durchaus sinnvoll sein.

„Unterm Strich geht es immer darum, den unnötigen Einsatz von Antibiotika zu vermeiden“, bestätigt Michael Kresken von der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie. Dies gelte etwa für viele Harnwegsinfekte. „Man sollte ausreichend hoch dosieren, dann ist der größte Teil der Keime schon am ersten Tag erledigt. Man kann auch noch etwas dem Immunsystem überlassen, wenn es sich auf den Erreger eingestellt hat.“

Aber auch das Beispiel Harnwegsinfekt zeigt, wie komplex die medizinische Praxis ist. Denn bei solchen Blasenentzündungen können Ärzte unterschiedliche Antibiotika verordnen. Die Therapie dauert je nach Stärke und Halbwertzeit des jeweiligen Präparats entweder einen Tag, drei Tage oder fünf Tage.

Kein Patentrezept für Dauer solcher Behandlungen

Den Rat, Antibiotika bei einer Besserung abzusetzen, teilt der Freiburger Infektiologe Kern nicht grundsätzlich. Das hänge von vielen Faktoren ab, unter anderem der Art der Infektion und der Art der Antibiotika. Daher gebe es kein Patentrezept für die Dauer solcher Behandlungen. „Man kann keine allgemeingültige Regel aufstellen. Dafür ist das Thema zu komplex. Wenn man zu kurz therapiert, können Probleme wiederkommen.“

Dass ein Rückgang der Beschwerden kein Indiz für eine Besserung sein muss, beschreibt Kern am Beispiel der Wanderröte (Erythema migrans) – einem klassischen Symptom vieler Borrelien-Infektionen. Die Hautverfärbung verschwinde auch ohne Antibiotika. Somit berge ein frühes Absetzen der Mittel das Risiko, dass sich die Borrelien weiter im Körper ausbreiten können. Bei den meisten Antibiotika-Therapien gehe es nicht darum, die Zahl der Keime auf null zu bringen, betont Kern. „Es kann genügen, sie auf 10 oder 1 Prozent des Ausgangsniveaus zu senken.“

Dass eine lange Therapiedauer die Entwicklung von Resistenzen fördert, stehe außer Frage. „Je länger man therapiert, desto mehr reichern sich die nicht-empfindlichen Keime an“, sagt Kern. „Die anderen sind ja weg.“ Da Bakterien Erbgut-Teile auch an nicht verwandte Arten übertragen können, berge dies das Risiko, dass die Resistenzmechanismen auf gefährliche Keime übergehen.

Generell, so rät Kern, solle man sich bei der Einnahme der Mittel an die Empfehlungen des Arztes halten. Dabei gelte die Maßgabe: „So viel wie nötig, so wenig wie möglich.“

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