Wie ein rechtsextremes Buch von der Bestsellerliste verschwand

Sieferle war verheiratet und lebte zuletzt wieder in Heidelberg, wo er 2016 Suizid verübte.

Die Spiegel-Chefredaktion hat Finis Germania aus ihrem Sachbuch-Ranking entfernen lassen; auf anderen Listen taucht das Werk gleichfalls nicht mehr auf.

Götz Kubitschek

Die Platzierung eines Buches auf der angesehenen Spiegel -Bestsellerliste ist ein Werbeargument, das sich auch der Antaios-Verlag des neurechten Publizisten Götz Kubitschek nicht entgehen lässt. Er schmückt das rechtsextreme Werk „Finis Germania“ des 2016 verstorbenen Historikers Rolf Peter Sieferle auf der Verlags-Webseite mit dem roten Aufkleber, das ein Buch schon von Weitem als Spiegel-Bestseller erkennbar macht.

Finis Germania stand beim Nachrichtenmagazin vorige Woche auf Platz 6 des Sachbuch-Rankings.

  • In der aktuellen Ausgabe steht es nicht mehr in der Liste, die vom Fachmagazin Buchreport für den Spiegel mit Daten von Media Control ermittelt wird.
  • Der Grund dafür ist zumindest ungewöhnlich, und aufgeklärt wurde der Leser darüber nicht.
  • Es liegt am Einschreiten der Spiegel-Chefredaktion.

Man habe sich entschieden, das Buch von der Liste zu nehmen, weil wir es „für klar antisemitisch, rechtsradikal und geschichtsrevisionistisch halten, die Einschätzung haben wir bereits mit Beiträgen im Spiegel thematisiert“, sagt eine Spiegel-Sprecherin.

Eine Verbreitung wolle man daher nicht fördern. Der Eingriff sei eine „absolute Ausnahme“.

Grundlage der Bestsellerliste sind zwar Abverkaufszahlen – die Liste spiele im Buchhandel eine wichtige Rolle als Empfehlungsliste:

„Deswegen hat die Chefredaktion entschieden, eine Empfehlung dieses Buches unter der Marke Spiegel nicht geben zu wollen.“

Daß die Sache nicht transparent gemacht wurde, begründet der Spiegel damit, daß man keine weitere Aufmerksamkeit für Sieferle schaffen wollte. Das ist nicht so gut gelungen.

Nachdem der Jude Hendryk M. Broder in der Welt über das Verschwinden von der Liste spekulierte, bestätigte Buchreport dem Webmagazin Übermedien das Eingreifen des Spiegel, nun wird im Netz heftig debattiert.

Nachdem der Jude Hendryk M. Broder in der Welt über das Verschwinden von der Liste spekulierte, bestätigte Buchreport dem Webmagazin Übermedien das Eingreifen des Spiegel, nun wird im Netz heftig debattiert.

Prof. Dr. Rolf Peter Sieferle (1946-2016) – Gustav Seibt, der auch einen Nachruf in der Süddeutschen Zeitung verfasste, hielt Sieferle für „einen interessanten Stilisten“ mit „einer großen erzählerischen und theoretischen Formulierungsfreudigkeit“. Seine letzte Schaffensphase sei allerdings durch „wüstes Schimpfen und Primitivität“ geprägt, wodurch seine „Differenzierungsfähigkeit“ abhanden kam. Seibt attestierte Sieferle zuletzt einen „gnadenlosen Zynismus“. Nach Jan Grossarth (FAZ) „galt er als ein außergewöhnlich feingeistigster Historiker“. Grossarth merkt zugleich jedoch kritisch an, dass er zuletzt „giftige, rechtsradikale Bücher“ geschrieben habe.

Eine gewisse Aufmerksamkeit erreichte Finis Germania schon einmal Anfang Juni, als es auf Platz 9 der Sachbücher des Monats von NDR und Süddeutscher Zeitungerschien – auch damit wirbt Antaios auf seiner Webseite. In das Ranking, das per Punktesystem ohne Debatte gebildet wurde, kam das Buch, weil ein einziges Jurymitglied, ein Spiegel-Redakteur, über drei Monate hinweg für „Finis Germania“ gestimmt hatte. Spiegel-Chef Klaus Brinkbäumer schrieb damals in eigener Sache, er habe kein Verständnis für diese Empfehlung. Die Jury ändert nun ihr Verfahren.

Rolf Peter Sieferle

Bestsellerlisten verbinden Leser dagegen mit empirischen Verkaufszahlen. Allerdings unterscheiden sie sich teils erheblich, zum Beispiel je nachdem, welche Themengebiete etwa bei Sachbüchern einbezogen werden. Buchreport listet seine seit 2012 geltenden Kriterien für die Spiegel-Liste im Web auf. Über inhaltliche Ablehnung eines Buches als Ausschlussgrund steht dort allerdings nichts. Die Kriterien seien transparent, dennoch seien die Spiegel-Bestseller eine kuratierte Liste, heißt es beim Spiegel, nach den Regularien könne die Chefredaktion eingreifen.

In der Bestsellerliste des Stern vom 15. Juli stand Sieferle auf Platz 12 – die Redaktion stellte dazu eindeutige Kritikermeinungen („Miserabel“, „verschwörungstheoretisch“). Aktuell listet Stern .de das Buch nicht mehr, laut Verlag ganz ohne Eingriff. Beim Börsenblatt des Buchhandels taucht der Titel in der zuletzt publizierten Sachbuchliste auch nicht auf. Grund: Die GfK, die dort die Daten erhebt, erfasst Hardcover erst ab 9,90 Euro. Sieferle kostet 8,50 Euro. Zu billig.

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