Leben in den Wäldern – das Experiment des Zivilisationskritikers in Amerika Thoreau

Leben in den Wäldern – das Experiment des Zivilisationskritikers in Amerika Thoreau

„Wohin aber ein Mann gehen mag, überallhin verfolgen ihn die Menschen, packen ihn mit den Klauen ihrer schmutzigen Einrichtungen und zwingen ihn, ihrer verzweifelten Gesellschaft von Sonderlingen anzugehören. Ich hätte mich zwar mit mehr oder weniger Erfolg mit Gewalt widersetzen, gegen die Gesellschaft Amok laufen können. Ich zog aber vor, die Gesellschaft gegen mich Amok laufen zu lassen, da sie die verzweifelte Partei ist.“

Leben in den Wäldern – das Experiment des Zivilisationskritikers in Amerika: Thoreau

Die meisten Menschen sind (…) so sehr durch die unnatürliche, überflüssige, grobe Arbeit für das Leben in Anspruch genommen, daß seine edleren Früchte von ihnen nicht gepflückt werden können. (…) Tatsächlich hat der arbeitende Mensch Tag für Tag keine Muße zu wahrer Ganzheit. (…)

Er hat keine Zeit etwas anderes zu sein als eine Maschine.

Walden; or, Life in the Woods

Walden oder Leben in den Wäldern

Erste Seite der ersten Druckausgabe von Resistance to Civil Government, 1849


Walden oder Leben in den Wäldern (engl. Originaltitel Walden; or, Life in the Woods) – auch als Walden oder Hüttenleben im Walde erschienen – ist ein Buch des US-amerikanischen Schriftstellers Henry David Thoreau aus dem Jahr 1854, das zum „Klassiker aller Alternativen“ wurde.
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1967 U.S. postage stamp honoring Thoreau, designed by Leonard Baskin

Unsere Erfindungen sind gewöhnlich hübsche Spielsachen, die unsere Aufmerksamkeit von ernsten Dingen ablenken. (…) Wir beeilen uns stark, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen. (…) Die Hauptsache besteht nicht darin, schnell, sondern vernünftig zu sprechen. (…) Wir beeilen uns, den Atlantischen Ozean zu durchkabeln, um die Alte Welt der Neuen um ein paar Wochen näher zu rücken; vielleicht aber lautet die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: ‚Prinzessin Adelaide hat Keuchhusten.‘

In Walden beschreibt Thoreau sein Leben in einer Blockhütte, die er sich 1845 in den Wäldern von Concord (Massachusetts) am See Walden Pond auf einem Grundstück seines Freundes Ralph Waldo Emerson baute, um dort für mehr als zwei Jahre der industrialisierten Massengesellschaft der jungen USA den Rücken zu kehren.

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The site of Henry David Thoreau’s cabin marked by a pile of rocks.

Under a government which imprisons any unjustly, the true place for a just man is also a prison
In einem Staat, der seine Bürger willkürlich einsperrt, ist es eine Ehre für einen Mann, im Gefängnis zu sitzen.“
– Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat


Nach eigener Aussage ging es ihm dabei jedoch nicht um eine naive Weltflucht, sondern um den Versuch, einen alternativen und ausgewogenen Lebensstil zu verwirklichen.

Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müßte, daß ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, daß alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.

A replica of Thoreau’s cabin greets visitors near the parking lots.


Das 1854 veröffentlichte Buch kann nicht als Roman im eigentlichen Sinne angesehen werden, vielmehr ist es eine Zusammenfassung und Ausformung seiner Tagebucheinträge, die er in den symbolischen Zyklus eines Jahres integriert und zusammenfaßt. Dabei ist sein Stil geprägt von hoher Flexibilität und Sprachkunst, die die Übertragung in andere Sprachen oft erschwert hat.

An manchem Sommermorgen saß ich (…) von Sonnenaufgang bis Mittag in Träumerei versunken. (…) Es war keine meinem Leben abgezogene, sondern so viel dreingegebene Zeit. (…) Meistens kümmerte ich mich nicht darum, wie die Stunden verflogen. Der Tag stieg empor (…), aber siehe – nun ist es Abend geworden und nichts Berichtenswertes ward getan. (…) Das erschien zweifellos meinen Mitbürgern als pure Faulheit; hätten mich aber Vögel und Blumen nach ihrem Maß gemessen, so wäre ich nicht zu gering befunden worden.

Die achtzehn Kapitel des Buches sind unterschiedlichen Aspekten menschlichen Daseins gewidmet, so enthält es zum Beispiel Reflexionen über die Ökonomie, über die Einsamkeit, Betrachtungen über die Tiere des Waldes oder über die Lektüre klassischer literarischer Werke.

Ich erzählte John (…), er vergeude sein Leben bei diesem Geschäft. (…) Ich könne, so fuhr ich fort, wenn ich wolle, in ein oder zwei Stunden soviel Fische fangen, dass ich zwei Tage davon essen könne. Überdies sei das keine Arbeit, sondern ein Vergnügen. (…) Wenn er mit seiner Familie einfach leben wolle, so könnten sie alle im Sommer zu ihrem Vergnügen Heidelbeeren pflücken gehen. (…) John seufzte tief auf. Sein Weib stand da, die Arme in die Hüften gestützt. (…) Für sie hieß das ins Blaue hineinsegeln.


Henry David Thoreau war 28 Jahre alt, als er im Jahre 1845 beschloss, eine kleine Hütte an einem See zu bauen, um sich dort für eine Weile dem Tumult der Zivilisation zu entziehen. Der See hieß Walden, und so hieß auch das Buch, das er später darüber schrieb: „Walden; or, Life in the Woods“ – „Walden oder Das Leben in den Wäldern“. Es ist eines der berühmtesten und der bedeutendsten Werke der amerikanischen Literatur geworden.

Ich wollte einen breiten Schwaden dicht am Boden mähen, das Leben in die Enge treiben und auf seine einfachste Formel reduzieren; und wenn es sich gemein erwiese, dann wollte ich seiner ganzen unverfälschten Niedrigkeit auf den Grund kommen und sie der Welt verkünden. War es aber erhaben, so wollte ich dies durch eigene Erfahrung erkennen und imstande sein, bei meinem nächsten Ausflug Rechenschaft darüber abzulegen.

Denn die meisten Menschen scheinen mir in einer sonderbaren Ungewißheit darüber zu leben, ob es vom Teufel oder von Gott ist, und so haben sie einigermaßen übereilt geschlossen, daß der Hauptzweck des Menschen hier auf Erden sei, ‚Gott in Ewigkeit zu loben und zu preisen‘.

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