Früher rasierte sie ihre Haare ab und lebte allein dafür, Kinder zu gebären. Deborah Feldman…

Früher rasierte sie ihre Haare ab und lebte allein dafür, Kinder zu gebären. Doch Deborah Feldman verließ die ultraorthodoxe Gemeinschaft in New York, in der sie aufgewachsen war

Früher rasierte sie ihre Haare ab und lebte allein dafür, Kinder zu gebären. Deborah Feldman…

Abgeschottet von der Außenwelt lebte Deborah Feldman in einer von Shoa-Überlebenden gegründeten orthodoxen jüdischen Gemeinde.

Bücher waren verboten, Jiddisch einzige Sprache. Mit 23 stieg sie aus.

Sie trägt einen Pulli aus Wolle, etwas Gestricktes also, unter das etwas Gewebtes gehört hätte, in ihrem ersten Leben. Eine steife Bluse hätte sie drunter ziehen müssen, die ihren Körper nicht mal erahnen läßt. Ihre Haare trägt sie lang und offen, die eigenen Haare, keine Perücke mehr über dem kahl rasierten Kopf.

So steigt Deborah Feldman vom Fahrrad vor einem Café in Kreuzberg. Eben hat sie ihren Sohn zur Schule gebracht.

„Hier gibt es laut ,New York Times’ das beste Brot in ganz Berlin“, sagt sie zur Begrüßung.

Sie lacht. Es ist einer der leichtesten Sätze, die sie im Gespräch sagen wird. Sie ist erst 29 Jahre alt und hat schon ein ganzes Leben hinter sich.

Deborah Feldman ist in einer streng orthodoxen jüdischen Gemeinde in New York aufgewachsen. So abgeschottet von der Außenwelt, dass sie nicht mal Englisch sprechen durfte. Keine Bücher lesen aus der Bibliothek. Die Regeln für Mädchen waren noch strenger als die für Jungs.

Gewalt in Familien, unterdrückter Sex

Mädchen waren ausschließlich dafür bestimmt, Kinder zu gebären, ab wann und mit wem, darüber entschieden andere. Mit 17 wurde Deborah Feldman mit einem Mann verheiratet, den sie kaum kannte. Mit 23 setzte sie ihren Sohn eines Morgens in ihren kleinen Kia, zwischen ein paar eilig vollgestopfte Tüten und Kisten, und haute ab aus diesem Leben.

Man weiß das alles ziemlich genau, weil Deborah Feldman gleich nach diesem Ausbruch ein Buch darüber geschrieben hat, das in den USA ein Bestseller wurde, millionenfach verkauft, und jetzt auch auf Deutsch erschienen ist.

Die Abschottung, in der die Ultraorthodoxen leben, sorgt auch dafür, dass sonst nichts aus ihrer Welt nach außen dringt. Deborah Feldman schreibt über Gewalt in Familien, über unterdrückten Sex, über die Schmerzen und Panikattacken, die sie erlitt, als sie mit ihrem Mann schlafen sollte, weil ihr Körper sich gegen die Ehe sperrte.

Ihr Buch war eine Sensation und ein Skandal. Es hat sie nicht nur zur Bestsellerautorin, sondern auch zu einer Geächteten gemacht, sie hat jeden Kontakt zu ihrer Familie verloren.

Vor einem Jahr und drei Monaten blieb sie in Berlin hängen. Sie war nach ihrem Ausbruch viel umhergezogen.

„In Berlin trifft man viele Leute ohne feste Wurzeln“, sagt sie im Café. Das ist ein Vorteil, wenn man selbst seine Wurzeln abgeschlagen hat.

Aber es ist auch nicht so einfach. Ausgerechnet Berlin. Sie fragt sich im Moment, ob sie hier bleiben soll. Es gibt eine Geschichte hinter der Geschichte.

Deborah Feldman lebt jetzt in dem Land, das sie als Kind fürchtete wie kein anderes auf der Welt.

Einmal habe sie an der Penn Station, einem Bahnhof in New York, einen Mann gesehen, groß und sehr blond, erzählt sie.

Vor Schreck sei sie beinahe in Ohnmacht gefallen.

„Und ich weiß nicht mal, ob das ein Deutscher war.“

Die Gemeinde, in der Deborah Feldman aufwuchs, wurde von Überlebenden des Holocaust gegründet. Satmarer Juden nennen sie sich, nach der Stadt Satu Mare in Rumänien, an der Grenze zu Ungarn, in der vor dem Holocaust jeder vierte Bewohner ein orthodoxer Jude war. Ein Rabbi aus Satmar, wie die Stadt auf Jiddisch heißt, der als einer der wenigen gerettet wurde, gründete die neue Gemeinde in New York. Die Großeltern von Feldman, ungarische Juden, schlossen sich an.

Jedes Kind ist ein Sieg über Hitler

Im Buch beschreibt sie die Fotos, die sie als Kind manchmal betrachtete. Auf den Fotos war ihre Oma selbst noch ein Kind. Auf den Fotos waren die Eltern und Großeltern der Oma zu sehen, die Geschwister der Oma, das jüngste noch ein Baby mit weichem Gesicht. Und nur ihre Oma lebte noch. Als einzige aus ihrer gesamten Familie.

Nach Auschwitz, Bergen-Belsen, nach Hunger, Zwangsarbeit und Typhus lebte nur ihre Oma noch.

Deswegen gab es die Regeln, deswegen mußten die Regeln immer strenger werden, die Blusen steifer, die Röcke länger, das Haar der Frauen besser verborgen. Deswegen durfte nur Jiddisch gesprochen werden. Die Sprache der alten Heimat und angeblich die von Gott bevorzugte Sprache.

Nur größere Frömmigkeit konnte neues, größeres Unheil abwenden. In den Straßen von Williamsburg, dem Teil von Brooklyn, in dem die Satmarer leben, geht es strenger zu als in den verlorenen osteuropäischen Shtetln.

„Es ist eine Bewältigungsstrategie einer traumatisierten Gemeinschaft“, sagt Deborah Feldman.

Das gilt auch für die wohl wichtigste Regel der Satmarer: Jeder muß heiraten. Keine Ausnahmen.

  • Ehen werden arrangiert, die Kinder jeder Familie der Reihe nach vergeben.
  • Das Älteste zuerst
  • Das Jüngste erst, wenn alle anderen verheiratet sind.

Es geht darum, daß möglichst viele Kinder geboren werden. Jedes neue Gemeindemitglied ist ein Sieg über Hitler.

Deborah Feldmans Großmutter bekam elf Kinder.

Ein Sohn war psychisch krank und nicht zu vermitteln auf dem Heiratsmarkt, aber heiraten mußte er doch, also warben seine Eltern ein armes, jüdisches Mädchen aus England für ihn an.

Sie kauften ihm eine Braut, so beschreibt es Deborah Feldman in ihrem Buch.

  • Der nicht zu vermittelnde Mann und die gekaufte Braut waren ihre Eltern, un
  • sie war das Kind eines Skandals, der allerdings nicht in diesem Arrangement bestand, sondern darin, daß ihre Mutter es nicht lange aushielt.

Ein Enthüllungsbuch, geschrieben wie ein Roman

Die Mutter verschwand. Deborah kam zu den Großeltern, die alt waren und müde, aber versuchten, die Sache irgendwie zu retten. Sie mussten auch dieses Kind noch verheiraten.

„Unorthodox“ ist ein Enthüllungsbuch, das sich wie ein Roman liest. Deborah Feldman hat als Kind rebelliert, indem sie unter der Bettdecke verbotene Bücher las, und als junge Ehefrau, indem sie einen Schreibkurs an einer Uni besuchte. Sie war ja ohnehin schon eine Außenseiterin, sie hatte weniger zu verlieren.

Nach ihr sind andere ausgestiegen, auch der Vater ihres Sohnes gehört nicht mehr zur Gemeinde, aber viele der ehemals Orthodoxen kommen draußen nicht gut zurecht.

„Am besten, man zieht weit weg, aber wohin?“

In Berlin lernte sie kurz nach ihrer Ankunft in einem Café einen Mann kennen, von dem sich herausstellte, daß er einen kleinen Verlag führt.

Christian Ruzicska übersetzte ihr Buch selbst und brachte es auf Deutsch heraus. Vorher seien auch große Verlage an den Rechten interessiert gewesen, sagt Feldman. Aber denen war es dann wohl doch zu heikel. Ein kritisches Buch über Juden, da muß man vorsichtig sein. Inzwischen sind die ersten beiden Auflagen fast verkauft.

„Jetzt fragen die großen Verlage nach den Taschenbuch-Rechten.“

„Tja“, sagt Deborah Feldman an dieser Stelle, „Deutschland.“

Sie spricht mit lauter, klarer Stimme, in fast perfektem Deutsch.

Manchmal streitet sie in Berlin mit Taxifahrern oder Falafelverkäufern, die sie wegen ihres Akzents für eine Israeli halten.

Sie könnte ihnen sagen, daß die Juden, bei denen sie aufwuchs, den Staat Israel für eine Sünde halten, weil er vor Ankunft des Messias gegründet wurde, und ihn vermutlich mehr hassen als jeder Berliner Taxifahrer.

Aber sie sagt nur, dass sie New Yorkerin ist. Ihr Sohn, inzwischen zehn, soll in Deutschland nicht gleich jedem erzählen, dass er Jude ist.

Gerne wäre sie europäische assimilierte Jüdin

Bald muß Deborah Feldman wieder zur Ausländerbehörde. Westhafen, Gebäude C, sie sitzt dort zwischen den Flüchtlingen. Könnte sein, daß sie demnächst abgeschoben wird.

  • Ihre Geschichte wird hier noch etwas komplizierter.
  • Deborah Feldman hat einen deutschen Paß beantragt, nachdem sie herausfand, daß die Großeltern ihrer Mutter bayrische Juden waren.
  • Der Großvater der Mutter promovierte noch an der Münchner Universität, bevor die Familie vor den Nazis nach England fliehen mußte.

Deborah Feldman wäre gern Europäerin wie ihre Vorfahren, „eine assimilierte europäische Jüdin, falls es so etwas noch gibt“, aber keinesfalls will sie um einen deutschen Paß betteln. Sie ist die Enkeltochter von Überlebenden der Shoah. Sie hat ihre New Yorker Oma nie verraten.

Ihr Antrag auf eine deutsche Staatsangehörigkeit wurde abgelehnt.

„Wen, glauben Sie, interessiert Ihre Familiengeschichte?“, habe sie ein Mann von der Ausländerbehörde neulich gefragt.

Sie kauft zwei Laibe von dem angeblich besten Brot Berlins, bevor sie wieder auf ihr Fahrrad steigt. Sie mag es nicht ganz so dunkel wie die Deutschen, sagt sie.

Deborah Feldman, Unorthodox. Eine autobiographische Erzählung. Secession-Verlag, Berlin, 22 Euro.

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2 responses to “Früher rasierte sie ihre Haare ab und lebte allein dafür, Kinder zu gebären. Deborah Feldman…”

  1. Bugsy Siegel aus Brooklyn says :

    https://de.wikipedia.org/wiki/Bugsy_Siegel

    Übrigens, Bugsy Siegel war auch ein Satmarer aus Brooklyn.

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  2. Ich mag weder Zionisten noch Orthodoxe, aber Zionisten gehören in den Ofen. says :

    „Sie könnte ihnen sagen, daß die Juden, bei denen sie aufwuchs, den Staat Israel für eine Sünde halten, weil er vor Ankunft des Messias gegründet wurde, und ihn vermutlich mehr hassen als jeder Berliner Taxifahrer.“

    Und noch mehr gehaßt von Zionisten wie Schlomo Sand und Arthur Koestler sowie Rudolf Kasztner.. Die Satmarer scheinen auch irgendwie ein Opfer von Trianon zu sein.

    http://www.tabletmag.com/jewish-arts-and-culture/books/178913/satmar-rebbe-1

    http://www.truetorahjews.org/kastner

    https://de.wikipedia.org/wiki/Trianon-Friedensvertrag

    Gut, die Satmarer und die Belzer sind mir auch zu blöd, aber die haben mir ja nichts getan, außer daß man die nicht mal nach dem Weg fragen kann. Ich kam da in Israel in so eine Gruppe auf der Straße rein und habe nach dem Weg gefragt. Niemand hat mir geantwortet, außer „Dort ist unser Rebbe, frag den mal“. Dann habe ich den Rebbe gefragt, der mir freundlich den Weg gewiesen hat, nachdem ich ihn fragte „Ist das bei euch generell so, daß man nur den Rebben was fragen darf?“.

    Du mußt mal die Belzer Synagoge in Israel sehen, ein riesiger Klotz, die größte der Welt – was besagt, die haben Geld wie Heu.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Große_Synagoge_(Bels)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Belz_(chassidische_Bewegung)

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