Rußlands Verhältnis zu USA Flitterwochen mit Donald

Kreml

Kreml

Donald Trump weckt in Rußland große Gefühle: In Washington sitzt plötzlich nicht mehr der gern gehaßte Gegner, sondern ein Mann Moskaus. So die Wahrnehmung.

Auf der Suche nach einem neuen Feindbild geht der Blick nach Berlin.

Das Kreml-Fernsehen ist auch nicht mehr, was es mal war. Da hatte man es sich als russischer Zuschauer Abend für Abend bequem gemacht mit Bier und Trockenfisch und einem verlässlichen Feindbild, und plötzlich hat man nur noch Bier und Fisch, aber kein Feindbild mehr.

Im Weißen Haus in Washington, so hatte es bisher im Fernsehen geheißen, sitze Rußlands ärgster Widersacher. Und nun soll dort ein wahrer Superheld eingezogen sein.

Moderator Dmitrij Kisseljow

Fernsehmoderator Dmitrij Kisseljow ist so etwas wie der Chefpropagandist des Kreml

Einer, der „das verfaulte amerikanische Elitensystem gecrackt hat“, wie es der prominente Fernsehmoderator Dmitrij Kisseljow formuliert. Einer, der „auf die globale antirussische liberale Internationale spuckt“. Einer, der Moskau achte und deshalb – wie Moskau – verleumdet werde von den etablierten Medien. Einer, der als Mensch und Christ seinem Vorgänger überlegen sei: Donald Trump, Rußlands Mann im Weißen Haus.

Kisseljow ist so etwas wie der Chefpropagandist des Kreml.

Wenn es um dessen Feinde geht, kann er Lust und Abscheu zugleich in die Stimme legen wie sonst keiner.

  • Den Zuschauern seines Sonntagabendprogramms Nachrichten der Woche ist in Erinnerung, wie Kisseljow genüßlich davon fantasierte, daß Rußland Amerikas Städte jederzeit in „radioaktive Asche“ verwandeln könne.
Putin bei einer Pressekonferenz

Putin bei einer Pressekonferenz

Neuerdings ist in Kisseljows Programm unklar, wo denn nun der Feind steht.

Ende Januar haben Trump und Rußlands Präsident Wladimir Putin zum ersten Mal miteinander am Telefon gesprochen.

Es war, jedenfalls laut Kisseljow, „das am sehnlichsten erwartete Telefonat des ganzen Planeten“.

Proteste in Philadelphia gegen Trump und Putin

Proteste in Philadelphia gegen Trump und Putin

Was der Kreml selbst dazu mitgeteilt hat, dürfte den Fernsehzuschauer ebenso überrascht haben wie Kisseljows Hymnen auf den US-Präsidenten:

Putin, hieß es da, habe im Gespräch „daran erinnert, daß unser Land über mehr als zwei Jahrhunderte hinweg Amerika unterstützt hat“.

SPIEGEL-Titel der Ausgabe 6/2017

Eine Art Honeymoon herrscht derzeit in Rußlands staatlichen Medien, eine Hoffnung auf die ganz große Freundschaft zwischen Trump und Putin, wenn sie sich denn erst mal persönlich kennenlernten.

Eine bizarre Formulierung. Eben noch war der Kalte Krieg förmlich zu spüren, weil die staatlichen Medien ihn zur Beschreibung der Gegenwart hervorholten – und nun tut das Staatsoberhaupt so, als hätte es diesen Kalten Krieg nie gegeben.

Eine Art Honeymoon herrscht derzeit in Rußlands staatlichen Medien, eine Hoffnung auf die ganz große Freundschaft zwischen Trump und Putin, wenn sie sich denn erst mal persönlich kennenlernten. Das weckt in den Russen große Gefühle. Denn es gibt kaum ein anderes Land, das sich so sehr über das Verhältnis zu den Vereinigten Staaten definiert wie Rußland. Das war zu Sowjetzeiten der Fall und ist bis heute so geblieben.

Ausgerechnet der rechte Ideologe Alexander Dugin, der seit Jahren den unausweichlichen Zivilisationskonflikt zwischen Moskau und Washington beschwört, rief im Fernsehen dazu auf, den bisherigen „gradlinigen Antiamerikanismus“ zu begraben.

„Wenn Amerika die Menschheit in Ruhe läßt“, sagte er im kirchennahen Fernsehkanal Zargrad, „dann gibt es auch keinen Grund mehr, es zu hassen.“

Das sagt ein Mann, wohlgemerkt, der im Ukrainekonflikt mit blutrünstigen Aufrufen hervortrat.

Mit Barack Obamas Abgang, frohlockte Dugin im Fernsehen, verlören auch allerlei liberale Aktivisten in Rußland ihre Geldquelle: Schwule, Feministen, Anhänger der Postmoderne – sie alle könnten sich jetzt aus Washington „allenfalls Almosen für die Therapie ihrer Perversionen“ erhoffen.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , , ,

%d Bloggern gefällt das: