Tote bei Attentat – Täter auf der Flucht

iReina, Nachtclub in Istanbul (Bild von August 2015)

Der schicke Istanbuler Nachtclub „Reina“, der in der Neujahrsnacht Ziel eines blutigen Anschlags wurde, ist eine Institution des Nachtlebens in der Bosporus-Metropole. Der direkt am Wasser unterhalb einer der drei großen Brücken über die Meerenge gelegene Club, der über mehrere Restaurants, Tanzflächen und eine zentrale Bar verfügt, ist seit seiner Eröffnung 2002 beim türkischen Jetset, Prominenten sowie ausländischen Touristen sehr angesagt.

Die Türkei ist 2016 von einem Terroranschlag nach dem nächsten erschüttert worden.

In der Silvesternacht versammeln sich Hunderte Menschen im Istanbuler Club Reina, um das neue Jahr zu begrüßen.

Gerade einmal 75 Minuten dauert es, bis auch 2017 zum Albtraum wird.

Das neue Jahr beginnt in der Türkei so bitter, wie das alte geendet hat: Mit Terror – und mit Toten. Hunderte Menschen sind im Istanbuler Club Reina zusammengekommen, um 2017 zu begrüßen. Der Nachtclub im schicken Ausgehviertel Ortaköy ist einer der größten und berühmtesten in der Millionenmetropole, er liegt am europäischen Bosporusufer – mit spektakulärem Blick aufs Lichtermeer der asiatischen Seite Istanbuls. Ein toller Ort, um Silvester zu feiern. Doch gegen 01.15 Uhr wird aus der Party ein Blutbad.

Ausländer sterben in der Disco

Mindestens ein Angreifer dringt in die Disco ein und schießt auf die Feiernden. Dutzende Menschen sterben, darunter zahlreiche Ausländer. Die türkische Regierung spricht von einem einzelnen Terroristen.

  • Die Nachrichtenagentur DHA berichtet dagegen von zwei Angreifern, die Weihnachtsmannkostüme getragen haben sollen – wofür es aber keine offizielle Bestätigung gibt.
  • Nicht nur gelingt es den Sicherheitskräften nicht, den Anschlag in der Silversternacht zu verhindern.

„Vom Täter fehlt weiter jede Spur“

Mindestens ein Angreifer entkommt – und läuft am Neujahrstag womöglich unerkannt und bewaffnet durch Istanbul. Die Beteuerungen nach dem Blutbad gleichen denen der vergangenen Wochen und Monate:

  • Der Kampf gegen den Terrorismus werde entschlossen fortgeführt, kündigt Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ein weiteres Mal an.
  • Die Türkei werde alles Nötige tun, um „die Sicherheit und den Frieden ihrer Bürger zu gewährleisten“.

Niemand kann sich mehr sicher fühlen

Doch die jüngsten Anschläge deuten eher darauf hin, dass sich niemand mehr wirklich sicher fühlen kann – nirgendwo. Vor drei Wochen sprengen sich Terroristen der TAK, einer Splittergruppe der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK, nach einem Fußballspiel im
Zentrum Istanbuls in die Luft. Eine Woche später schlägt die TAK in der verschlafenen zentralanatolischen Stadt Kayseri zu.

Kurz danach wird der russische Botschafter in der Hauptstadt Ankara bei einer Foto-Ausstellung erschossen – von einem Polizisten, den die Regierung für einen Gülen-Anhänger hält. Die Bewegung des Predigers Fethullah Gülen ist in der Türkei als Terrororganisation eingestuft, Erdogan macht sie für den Putschversuch Mitte Juli verantwortlich, der nach offiziellen Angaben 246 Todesopfer forderte.

Türkei von Anschlägen heimgesucht

Bald jährt sich der Anschlag in der Istanbuler Altstadt, bei dem zwölf deutsche Touristen mutmaßlich von einem Selbstmordattentäter der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) ermordet worden. Im März sprengt sich wieder ein mutmaßlicher IS-Attentäter auf der zentralen Einkaufsmeile Istiklal Caddesi in die Luft, israelische Urlauber sterben. Im Februar und März schlägt die TAK in Ankara zu, Dutzende Menschen werden ermordet. Im Juni greift ein Selbstmordkommando den Istanbuler Atatürk-Flughafen an – die Regierung beschuldigt den IS. Und all das ist nur eine Auswahl der Anschläge im Jahr 2016.
Der Silvester-Anschlag – zu dem sich zunächst niemand bekannt hat – trägt eher nicht die Handschrift der TAK, die vorrangig Sicherheitskräfte angreift. Womöglich steckt der IS dahinter, dessen Anführer Abu Bakr al-Bagdadi seine Anhänger im November ausdrücklich zu Bluttaten in der Türkei aufrief.

In einer Audio-Nachricht sagte al-Bagdadi: „Die Türkei ist ein Ziel für Eure Operationen geworden.“

Vorwurf: Regierung versagt beim Kampf gegen Terrorismus

Kein anderer NATO-Staat wird von einem solchen Ausmaß an Gewalt erschüttert wie die Türkei. Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu wirft der Regierung am Sonntag Versagen im Kampf gegen den Terrorismus vor: Ihr gelinge es nicht, Anschläge zu verhindern. Die von Erdogan so bezeichneten „Säuberungen“ in staatlichen Institutionen nach dem Putschversuch dürften nach Expertenansicht jedenfalls nicht zur Schlagkraft der Sicherheitsbehörden beigetragen haben.

So zitierte die „Welt“ Ende November aus einem Schreiben des Verbindungsbeamten des Bundeskriminalamts (BKA) im Generalkonsulat in Istanbul, der angesichts der Massenentlassungen in Polizei und Justiz warnt:

„Das Fachwissen der Mitarbeiter ist für lange Zeit verloren und sicherlich nicht mit Umsetzungen oder Neueinstellungen zu kompensieren.“

Wichtige Informationen auch für deutsche Verfahren seien nur noch in „absoluten Ausnahmefällen zu erlangen“.

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