Teil 8 – Das Camp 1142, Eleven Forty-Two. „Ich begreife nicht, wie unser Wissen verloren gehen konnte“

Former Downtown Washington, D.C. Jewish owned flagship store addition (built 1916-24)

Ich fuhr diese vier Nazi-Wissenschaftler in das größte jüdische Geschäft der Stadt, Lansburgh’s.

  • Sie kauften Kakao, Zucker, Kaffee.
  • Dann gingen sie in die Unterwäsche-Abteilung. Ich war 19 und hatte noch nie Dessous gekauft. Das Bild werde ich nie vergessen: diese vier Gestalten mit ihren Ledermänteln und Tirolerhüten in der Unterwäsche-Abteilung. Als die Verkäuferin Nylonhöschen brachte, warf von Braun die Hände in die Höhe und sagte: „Aber nein, Unterhosen aus Wolle und mit langen Beinen.“

Henry Kolm: Einige waren katholisch und baten mich, einen Gottesdienst zu organisieren. Ich ließ einen Army-Kaplan kommen.

Arno Mayer: An Weihnachten übersetzte ich die Predigt. Man muß sich das vorstellen: Im Jahr 1945 übersetzt ein Jude die Weihnachtspredigt für Nazis.

Former Downtown Washington, D.C. Jewish owned flagship store addition (built 1916-24)

Peter Weiss: Neulich sah ich einen Film über die V2-Angriffe auf London und dachte: Eigentlich waren wir zu nett zu denen. Das war der Anfang des totalen Krieges gegen die Zivilbevölkerung. Dresden, Hiroshima, Nagasaki. Mit der V2 hat das angefangen.

Wernher von Brauns Vertrag wird verlängert. Er arbeitet für die Army, dann für die neu gegründete Nasa. Er baut die Rakete für die Mondlandung und wird zum Freund John F. Kennedys. Er stirbt 1977 als amerikanischer Held. Insgesamt bringen die USA mehr als 1.600 deutsche Wissenschaftler ins Land, unter ihnen Kriegsverbrecher, Ärzte, die Menschenversuche machten, und Chemiker, die Giftgas für die Wehrmacht entwickelten. Sie alle beginnen in Amerika ein neues Leben.

Auch vielen Häftlingen, die nach ihrer Zeit in Eleven Forty-Two zurück nach Deutschland gehen, gelingt dort eine zweite Karriere. Sie alle sind Beispiele dafür, wie wenig sich das Personal der Bundesrepublik Deutschland mitunter von dem des „Dritten Reichs“ unterschied.

Reinhard Gehlen, Generalmajor der Wehrmacht, wird Gründungspräsident des Bundesnachrichtendienstes.

Hasso von Manteuffel, Generalleutnant der Wehrmacht, zieht als Abgeordneter in den Bundestag ein, zunächst für die FPD, später für die rechtsgerichtete Deutsche Partei (DP).

Kurt Hesse, ehemaliger Leiter der Heerespropaganda beim Oberkommando der Wehrmacht, avanciert zum Referatsleiter im Bundeswirtschaftsministerium.

In den USA scheiden die drei Freunde Henry Kolm, Arno Mayer und Peter Weiss im Jahr 1946 aus der Armee aus. Mayer arrangiert für Kolm später ein Blind Date. Die Ehe, die daraus entsteht, währt ein halbes Jahrhundert. Mit Peter Weiss reist Mayer 1947 nach Israel. Gemeinsam studieren sie in Yale. Weiss wird ein erfolgreicher Anwalt, Mayer Historiker, Kolm Physiker am Massachusetts Institute for Technology in Boston. Sie bleiben ein Leben lang Freunde.

Im Jahr 2007 treffen sich Veteranen von Eleven Forty-Two nach mehr als 60 Jahren erstmals an dem Ort, an dem sie damals dienten. Mayer, Weiss und Kolm sitzen vor einem eigens aufgebauten Podium im Park, auch Werner Moritz ist da. Ein Army-Offizier schlägt in einer Rede den Bogen vom Zweiten Weltkrieg zum Irak. Als er die Veteranen zur Ehrung auf die Bühne bittet, bleibt Arno Mayer sitzen. Aus Protest gegen die amerikanischen Verhörmethoden von heute. Kurz zuvor sind die Bilder aus dem Foltergefängnis Abu Ghraib veröffentlicht worden.

Die Ausgangsfrage

Lange waren die US-Militärakten über Nazi-Verhöre aus dem Zweiten Weltkrieg geheim. Nun brechen die letzten Überlebenden ihr Schweigen. Unser Autor fragte sich: Was geschah im Camp ohne Namen?

Herausforderung bei der Recherche

  • Kein Interviewpartner war jünger als 90. Manche konnten kaum sprechen, andere erinnerten sich lücken- oder fehlerhaft. Der Autor mußte sämtliche Aussagen mit Archivdokumenten abgleichen.

Mayer tat sich damals in Eleven Forty-Two schwer, nett zu den NS-Gefangenen zu sein. Jetzt, bei dem Veteranentreffen, blickt er zurück und ist stolz darauf.

Peter Weiss geht auf die Bühne und sagt: „Ich fühle mich geehrt, aber ich will klarstellen, daß ich den Irakkrieg nicht unterstütze.“

Arno Mayer: Mein Land foltert Gefangene im Irak und in Guantánamo, ohne Erfolg. Wir waren damals menschlich, benutzten unseren Verstand und bekamen die Informationen, die wir wollten.

Ich begreife nicht, wie unser Wissen verloren gehen konnte.

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: