Teil 4 – Das Camp 1142, Eleven Forty-Two. „Abends gehen sie ins Camp-Kino“

Wichtige Gefangene wie Hesse wohnen nicht im Zellentrakt, sondern in Holzhäusern im Wald mit mehreren Zimmern, Küche, Bad. Die Amerikaner nennen sie „Villen“.

Auf der Veranda stehen Stühle, damit die Nazis in der Sonne sitzen können.

Die Strategie des Umschmeichelns, Hofierens, Umgarnens, sie bringt surreale Szenen hervor: jungenhafte jüdische Amerikaner, von denen sich viele noch als Deutsche fühlen, und Offiziere der Wehrmacht im angeregten Gespräch. An Sommertagen schwimmen sie im Pool. Abends gehen sie ins Camp-Kino. Wem die Amerikaner Bedeutung zumessen, der hat es hier in Gefangenschaft besser als im zerstörten Deutschland.

Peter Weiss: Es sah aus wie im Ferienlager.

Anders als seine beiden Freunde ist Weiss kein Moraloffizier, sein Arbeitsplatz ist eine zentral gelegene Baracke, in der unterirdisch die Abhörkabel aus dem Camp zusammenlaufen.

Weiss sitzt an einem Tisch und horcht in seine Kopfhörer.

Vor ihm steht ein Aufnahmegerät. Weiss kann von Zelle zu Zelle, von Hütte zu Hütte schalten. Hört er etwas Interessantes, drückt er auf „Aufnahme“.

Peter Weiss: Einmal belauschte ich zwei Gefangene. Einer hatte in der deutschen Botschaft in Madrid gearbeitet. Der andere war kurzzeitig ebenfalls in Madrid gewesen und erzählte stolz davon, wie er dort eine Frau abgeschleppt hatte. Womit er nicht gerechnet hatte: Er sprach gerade mit dem Ehemann dieser Frau. Wir mußten Leute reinschicken, sonst hätten die sich umgebracht.

Die Abhörprotokolle, die Weiss und seine Kollegen anfertigen, werden 70 Jahre später einen Blick in den Alltag deutscher Frontsoldaten gewähren. Die Gefangenen sprechen über Saufnächte, Frauen, den Krieg und seine Verbrechen.

„S.: Das ist im Herbst 1941 gewesen. Die ganze jüdische Bevölkerung einer Stadt durch einen Massenmord erschossen.

P.: Haben Sie es gesehen?

S.: Ich nicht. Aber zwei Männer von meinem Zug. Die haben selber mit schießen helfen. Das ist einwandfrei. Da war auch kein Jude mehr mitanzutreffen. Das ist von der SS durchgeführt worden.

P.: Wie viele?

S.: Man redete damals von 800. Schätzungsweise. Das sagte mir ein Obergefreiter. Der sagte von sich aus: Ich hätte da gern mitgemacht. Ein alter Nazi. Während die andern alle sagten, es wäre eine Viecherei gewesen. Schon deswegen, da ist kein Schwindel dran.“

Henry Kolm: Manchmal war ich bei den einfachen Gefangenen in einem der zwei Zellentrakte. Ich fühlte mich unwohl, als Jude, umgeben von 60 Deutschen. Die meisten waren freundlich, aber einige, da war ich mir sicher, hätten mich gern getötet. Zur Sicherheit hatte ich in meiner Socke immer eine 25er Beretta.

Peter Weiss: Wir ahnten nur, daß Teile unserer Familien in den Lagern gestorben waren. Hätte ich schon gewusst, dass mein Großvater vergast worden war, hätte ich diesen Job vielleicht nicht machen können.

Arno Mayer: Manchmal fühlte ich mich, als müsste ich kotzen, weil ich nett zu diesen Typen sein musste. Ich fragte mich: „Was haben die im Krieg gemacht?“ Ich hasste die Deutschen mit jeder Faser meines Körpers.

Aber ihre Order lautet damals, den Hass zu unterdrücken. Heute sagen die Veteranen fast wortgleich: Als Soldat tust du, was dir befohlen wird. Soldatenpflicht.

Genauso rechtfertigten die deutschen Soldaten ihr Handeln. Der Befehl verlangt, Gefangene zu erschießen? Dann erschießt du Gefangene. Der Befehl verlangt, Juden zu vergasen? Dann vergast du Juden.

Befehl und Gehorsam – der Mechanismus funktionierte in beide Richtungen. In Deutschland unterdrückte er die Menschlichkeit zugunsten unvorstellbarer Barbarei. In Eleven Forty-Two unterdrückte er den Rache-Impuls zugunsten unerwarteter Menschlichkeit. Beschäftigt man sich mit dem geheimen Camp, stößt man nur auf einen Fall, in dem der Hass eines Soldaten stärker war als sein Gehorsam

Der Soldat heißt Werner Moritz. Auch er ist deutscher Jude, auch er flieht in die USA, geht zur Army und arbeitet in Eleven Forty-Two. Wie die anderen lernt er dort, seine Wut zu unterdrücken. Doch dann wird er kurz vor Kriegsende nach Deutschland geschickt. Von ihm gibt es eine historische Tonbandaufnahme.

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