Teil 3 – Das Camp 1142, Eleven Forty-Two. 3.451 Gefangene, 3.451 Gelegenheiten

Man würde die Gefangenen nicht nur vernehmen, so die Idee.

Man würde sie auch, wenn sie nach dem Verhör in der Zelle mit ihren Mitgefangenen redeten, abhören. Dafür brauchten die Amerikaner vor allem eines: viel Personal, das perfekt Deutsch sprach, Hochdeutsch, Berlinerisch, Sächsisch, Badisch, Bairisch, Österreichisch.

A young Hasso von Manteuffel – photographed in dress Hussar uniform in 1921

Peter Weiss: Während meines Artillerietrainings wurde ich zum Colonel gerufen. Er sagte: „Ich habe gehört, Sie sprechen Deutsch?“ – „Ja, Sir.“ – „Sagen Sie mal was.“ – „Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem …“ – „Okay, reicht, ich habe einen Job für Sie.“

Die U. S. Army durchforstet damals alle ihre Einheiten nach Soldaten, die Deutsch sprechen. Sie findet Peter Weiss, geboren in Wien. Henry Kolm, ebenfalls geboren in Wien. Arno Mayer, geboren in Luxemburg. Und Dutzende weitere, aus allen Winkeln Großdeutschlands sind sie geflohen. Jetzt kämpfen sie für ihre neue Heimat gegen die alte. Seit Kurzem erst sind sie amerikanische Staatsbürger.

Und fast alle sind sie: Juden.

In der Idylle der amerikanischen Ostküste, friedlich und grün, dem Getöse des Krieges entrückt, drehte sich das Verhältnis von Macht und Ohnmacht um. Die allmächtigen Nazis, Repräsentanten jenes Regimes, das Millionen von Juden ermordet hatte, waren ihnen, den jungen jüdischen Männern, auf einmal ausgeliefert. Irgendjemand schien hier die perfekte Rache-Geschichte zu schreiben.

3.451 Gefangene. 3.451 Gelegenheiten, zu schießen, zu prügeln, zu quälen.

Doch genau das haben die Ausbilder den jungen amerikanisch-deutschen Soldaten verboten. In den Wochen bevor Arno Mayer, Henry Kolm und Peter Weiss nach Eleven Forty-Two kommen, sind sie in Verhörtechniken gedrillt worden. Die Ausbilder haben ihnen beigebracht, wie man dem Feind Informationen entlockt: Nicht drohen! Nicht schlagen! Nicht foltern!

Den Rekruten erschien das seltsam. Angesichts der größten Menschheitsverbrechen sollten sie nett sein zu den Tätern?

Ihr wichtigster Ausbilder war ein Vernehmungsspezialist namens Sanford Griffith. Schon im Ersten Weltkrieg hatte er deutsche Gefangene verhört. Und so wie Scharfschützen Techniken entwickeln, um Menschen zu töten, die Hunderte Meter entfernt sind, hatte er Methoden ersonnen, um Menschen zum Reden zu bringen, die ihm gegenübersaßen.

Wichtigste Regel: Freundlich sein.

Nicht nur weil dies dem Völkerrecht entsprach, festgeschrieben in der Genfer Konvention von 1929 und Teil des militärischen Regelbuchs der U. S. Army, Seite 33, Punkt 45, sondern vor allem: weil es funktionierte.

Manteuffel im August 1944

Griffith hatte dazu einen Aufsatz verfasst, den er an die Soldaten verteilte. Menschen wollten immer zeigen, wie viel sie wüssten, schrieb Griffith. Für Deutsche gelte das besonders. Sie hätten einen schoolteacher urge, einen Lehrer-Impuls. „Deutsche Kriegsgefangene werden versuchen, uns zu belehren“, so Griffith. Man solle beim Verhör die Rolle des dummen Schülers spielen.

Griffith verlangte von den drei Freunden, alle bisherigen Gedanken über die Nazis zu löschen. Kriegsgräuel, Konzentrationslager, Rassenhass. Ihre Aufgabe sei es, eine positive Beziehung zu dem jeweiligen Gefangenen aufzubauen. „Wir müssen ihm schmeicheln, ihn hofieren, irritieren, umgarnen und einlullen“, schrieb Griffith in seinem Aufsatz.

Nazis schmeicheln, sie hofieren und umgarnen? So haben sich Mayer, Kolm und Weiss den Kontakt mit dem Feind nicht vorgestellt. Aber es sieht ja ohnehin nicht mehr danach aus, dass sie noch Vertreter des NS-Regimes zu Gesicht bekommen werden. Bis zu diesem 9. Juni, als sie morgens ahnungslos aufbrechen, zum Pentagon fahren und wenig später in Eleven Forty-Two ankommen. Noch am selben Tag erhalten sie ihre Einweisung.

Henry Kolm: Arno und ich wurden sogenannte Moraloffiziere. Unser Job war es, wichtige Gefangene zu verhören, ohne dass sie es merkten. Wir sollten mit ihnen Schach spielen oder Tischtennis.

Arno Mayer: Ich brachte ihnen Zeitungen, Whiskey, Sandwiches. Einmal sollte ich ihnen Frauen besorgen. Ich sprach mit Henry, ob man so was macht oder nicht. Es kam nicht dazu.

Henry Kolm: Einer meiner ersten „Kunden“ war der Nazi-Propagandist Kurt Hesse. Einmal sagte er zu mir: „Dein Land, Österreich, ist wunderschön.“ Er hatte meinen Akzent erkannt. Er erzählte, er habe mal Urlaub an einem Bergsee auf der Turracher Höhe gemacht, ein Ort, so abgelegen, dass ich ihn auf keinen Fall kennen könne. Zufällig war ich aber mal dort gewesen, es gab nur zwei Hotels. Also fragte ich: „Oh, wohnten Sie im Sieglerhof oder im Seehotel?“ Von da an dachte er, ich wüsste alles über ihn. Gott, habe ich das genossen.

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2 responses to “Teil 3 – Das Camp 1142, Eleven Forty-Two. 3.451 Gefangene, 3.451 Gelegenheiten”

  1. GRIMM´s Ger-Manisches Holy Wood says :

    „Die erste bekannte Erwähnung einer jüdischen Gemeinde in Deutschland in

    einem Edikt Kaiser Constantins aus dem Jahre 321 lässt auf noch frühere

    Existenz von Juden im deutschen Sprachraum schließen, da in diesem Edikt

    bereits von einer reichen, etablierten Gemeinde in Colonia, dem heutigen Köln,

    die Rede ist, von deren Repräsentanten der römische Kaiser verlangt, endlich

    ihrer Bedeutung entsprechende öffentliche Ämter zu bekleiden.

    Frühe Gemeinden bestanden vermutlich bereits um die Zeitenwende, in den römischen Gründungen entlang des Rheins, in Garnisonsstädten in Süddeutschland, vor allem in Bayern und Franken, ferner – gleichfalls früh bezeugt – im heutigen Österreich.“

    http://www.tel-aviv.diplo.de/Vertretung/telaviv/de/__pr/Themen-Startseite/Kultur/150616-Artikel-J_C3_BCdische-Rundschau.html?archive=3921676

    „Es gibt durchaus eine deutsche Geschichte, die mehr als 1.000 Jahre zurückreicht. Nur dürfte sie den Romantikern und Nationalisten schwerlich gefallen.

    ZEIT: Weshalb?

    Fried: Weil sie nicht von einer einheitlichen Abstammung oder Kultur handelt.

    Die Anfänge der Deutschen liegen zwischen dem 7. und dem 10. Jahrhundert.

    In dieser Zeit gingen sie aus dem multikulturellen Vielvölkergemisch hervor, das damals zwischen Rhein, Donau und Oder siedelte – wobei der Grad der Zivilisation von Westen nach Osten abnahm. Dort lebten vermutlich Clangesellschaften wie heute im Vorderen Orient.

    ZEIT: Wann wurde dieses Gemisch „deutsch“?

    Fried: Zunächst festigten verschiedene Stämme ihre Herrschaft. Sachsen, Böhmen, Bajuwaren, die deutschen Franken und andere.

    Zu Deutschen wurden sie durch die Herausbildung einer übergeordneten Herrschaft: durch die Entstehung des Heiligen Römischen Reiches unter den Ottonen und den Staufern zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert.

    http://www.zeit.de/2015/44/deutsche-abstammung-migration-geschichte-mittelalter-johannes-fried

    „Ger bedeutet Volk, insbesondere in der Bedeutung (aus dem) Volk (aus den) Völkern „Fremder“, Ausländer“, „Konvertit“ (Beigemischter). https://de.m.wikipedia.org/wiki/Ger

    https://en.wikipedia.org/wiki/Ashkenazi_Jews https://de.wikipedia.org/wiki/Aschkenas

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    • Zivilisation bedeutet Verjudung. says :

      Zu Deutschen wurden sie durch die Herausbildung einer übergeordneten Herrschaft: durch die Entstehung des Heiligen Römischen Reiches unter den Ottonen und den Staufern zwischen dem 10. und dem 12. Jahrhundert.

      Was meint der mit Clan-Gesellschaften ? Das ist sehr abwertend und jüdisch. Gibt es dafür einen besseren Ausdruck ?

      Und da das römische Reich ein Judenreich war, was durch die Judenbibel gezeigt werden kann, war es ein Judenreich, das nun von den Jesuiten wiederhergestellt wird (Renaissance).
      Christiamisierung bedeutet also Verjudung. Die Zivilisation nahm von Westen nach Osten ab. Das bedeutet, daß die Verjudung im Rahmen der Ostexpansion des römischen Reiches zunahm, um die Verjudung mit Gewalt, z. B. des Deutschen Ordens, nach Osten zu tragen. Europa befand sich also im Zangengriff von Westjuden und Ostjuden, die ebenfalls von der Krimgegend nach Norden und Westen vorstießen.

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