Überfall auf den Sender Gleiwitz – Version Stalin (Der Winterkrieg 1939/40)

Der Zweite Weltkrieg

Stalin verlor keine Zeit, um die Gewinne einzufahren, die die Vereinbarungen zwischen Molotow und Ribbentrop ihm boten.

Sofort nach Abschluß der Besetzung Ostpolens hatte der Kreml damit begonnen, den baltischen Staaten Verträge über »gegenseitigen Beistand« aufzuzwingen.

Am 5. Oktober wurde die finnische Regierung gebeten, Abgesandte nach Moskau zu schicken. Eine Woche später präsentierte auch ihnen Stalin einen Vertragsentwurf mit einer ganzen Liste von Forderungen.

  • Finnland sollte die Halbinsel Hangö an die Sowjetunion verpachten,
  • ihr mehrere Inseln im Finnischen Meerbusen,
  • einen Teil der Halbinsel Rybatschi in der Nähe von Murmansk und
  • den Hafen Petsamo überlassen.
  • Weiter wurde verlangt, die Grenze an der Karelischen Landenge bei Leningrad 35 Kilometer nach Norden zu verschieben
  • Als Ersatz dafür bot man den Finnen einen weitgehend menschenleeren Teil des sowjetischen Nordkarelien an.

Die Verhandlungen in Moskau dauerten bis zum 13. November, ohne daß eine abschließende Vereinbarung erreicht wurde.

Stalin, überzeugt, daß die Finnen keinerlei internationale Unterstützung genossen und nicht zu kämpfen gewillt waren, entschloß sich, in Finnland einzumarschieren.

Sein wenig überzeugender Vorwand war das Ersuchen der Exilregierung (einer Handvoll finnischer Kommunisten), die die Sowjetunion um brüderliche Hilfe bat.

Daraufhin provozierten sowjetische Truppen einen Grenzzwischenfall bei Mainila in Karelien.

Die Finnen baten Deutschland um Hilfe, aber die Naziregierung verweigerte jegliche Unterstützung und empfahl ihnen, auf die Forderungen einzugehen.


Am 29. November brach die Sowjetunion die diplomatischen Beziehungen zu Finnland ab.

Am nächsten Tag griffen Truppen des Leningrader Militärbezirks finnische Stellungen an, und Flugzeuge der Roten Armee bombardierten Helsinki.

Der Winterkrieg hatte begonnen

Die Sowjetführer gingen davon aus, daß der Feldzug ein Spaziergang wie die Besetzung Ostpolens sein werde.

Der Volkskommissar für Verteidigung, Kliment Woroschilow, wollte ihn rechtzeitig zu Stalins 60. Geburtstag am 21. Dezember 1939 abschließen.

  • Dmitri Schostakowitsch erhielt den Auftrag, zu diesem Anlaß ein Musikstück zu komponieren.

In Finnland wurde Marschall Carl Gustav Mannerheim, ehemals Offizier der Chevaliergarde des Zaren und Held des Unabhängigkeitskriegs gegen die Bolschewiken, aus dem Ruhestand geholt und zum Oberbefehlshaber ernannt.

Die Finnen, kaum 150.000 Mann stark, darunter viele Reservisten und Jugendliche, standen Truppen der Roten Armee von über einer Million Mann gegenüber.

  • Ihre Verteidigungsstellungen auf der Karelischen Landenge südwestlich des Ladogasees, bekannt als die Mannerheim-Linie, bestanden hauptsächlich aus Schützengräben, Bunkern aus Baumstämmen und einigen Stützpunkten aus Beton.
  • Zugunsten der Finnen wirkten sich die Wälder und kleinen Seen aus, die die vorrückenden Kolonnen in ihre geschickt ausgelegten Minenfelder lenkten.

Trotz starker Artillerieunterstützung erlitt die sowjetische 7. Armee einen schlimmen Schock!

  • Zuerst wurden ihre Infanteriedivisionen von finnischen Truppenschleiern und Scharfschützen in der Nähe der Grenze aufgehalten.
  • Da es an Minendetektoren fehlte und die Offiziere Befehl hatten, keinerlei Verzögerungen zuzulassen, trieben sie ihre Männer durch die verschneiten Minenfelder vor der Mannerheim-Linie.
  • Für die Soldaten der Roten Armee, denen man eingeredet hatte, die Finnen würden sie als ihre Brüder und als Befreier von den kapitalistischen Unterdrückern begrüßen, bedeutete die Realität der Kämpfe einen moralischen Tiefschlag.
  • Denn sie mußten sich mühsam über verschneite Felder zu den Birkenwäldern durchkämpfen, die Teile der Mannerheim-Linie verbargen.

Die Mannerheim-Linie stellte die Hauptverteidigungslinie der Finnen auf der Karelischen Landenge dar.

Die Finnen, Meister in winterlicher Tarnung, mähten sie mit Maschinengewehren nieder.

Im hohen Norden Finnlands griffen sowjetische Truppen von Murmansk her das Bergbaugebiet und den Hafen von Petsamo an. Aber weiter südlich gingen Versuche, aus dem Osten quer durch Finnland bis zum Bottnischen Meerbusen vorzustoßen, geradezu verheerend aus. Stalin, erstaunt, daß die Finnen sich nicht sofort ergaben, befahl Woroschilow, sie mit den an Zahl überlegenen Kräften der Roten Armee zu zermalmen.

Die Kommandeure der Roten Armee, durch die Säuberungen verängstigt und von der nachfolgenden erstickenden militärischen Orthodoxie wie gelähmt, konnten nur immer noch mehr Männer in den Tod schicken.

Die Sowjetsoldaten, die für diese Art Winterkrieg schlecht ausgerüstet und ausgebildet waren, hoben sich mit ihren braunen Uniformmänteln scharf von dem tiefen Schnee ab, durch den sie stapften.

Zwischen den gefrorenen Seen und in den Wäldern von Mittel- und Nordfinnland konnten die sowjetischen Kolonnen sich nur auf wenigen Straßen vorwärts bewegen.

Stellungen der sowjetischen und finnischen Truppen zum Kriegsende am 13. März 1940

Holzschneidetaktik

Dort legten ihnen finnische Skiläufer-Trupps Hinterhalte, beschossen sie aus Maschinenpistolen, warfen Handgranaten und machten die Überlebenden mit Jagdmessern nieder.

Die Finnen wandten eine »Holzschneidetaktik« an, wie sie es nannten. Die Kolonnen des Feindes wurden voneinander getrennt, die Nachschubwege der Truppenteile blockiert, so daß sie Hunger litten.

Skiläufer-Trupps tauchten überraschend aus den verschneiten Wäldern auf, bewarfen sowjetische Panzer und Artillerie mit Handgranaten oder Molotowcocktails und verschwanden so rasch, wie sie gekommen waren.

Sie führten eine Art Partisanenkrieg, auf den die Rote Armee in keiner Weise vorbereitet war.

  • Bauerngehöfte, Ställe und Scheunen wurden niedergebrannt, um den feindlichen Truppen auf ihrem Vormarsch jeglichen Unterschlupf zu nehmen.
  • Straßen wurden vermint und Sprengfallen gelegt.
  • Wer dort verwundet wurde, war bald erfroren.

Die Sowjetsoldaten nannten die getarnten finnischen Skiläufer-Trupps nur belaja smertj, den Weißen Tod.

Als die 163. Schützendivision bei Suomussalmi eingekesselt wurde, eilte ihr die 44. Schützendivision zu Hilfe.

Sie wurde bei mehreren Angriffen aufgesplittert und von den weißen Gespenstern, die zwischen den Bäumen hin und her flitzten, aufgerieben.

  • Ein ähnliches Schicksal ereilte die 122. Schützendivision, die von der Halbinsel Kola in südwestlicher Richtung auf Kemijärvi marschierte, wo sie von den Truppen des Generals Kurt Martti Wallenius überrascht und zerschlagen wurde.

»Wie seltsam nahmen sich doch diese Leichen auf der Straße aus«, schrieb der erste ausländische Korrespondent, der sich davon überzeugte, wie wirksam die Finnen Widerstand leisteten. »Bei der Kälte waren sie in der Stellung gefroren, in der sie zu Boden gegangen waren. Körper und Gesichtszüge wirkten wie geschrumpft; man glaubte, es seien Wachsfiguren. Die ganze Straße kam mir vor wie ein riesiges Wachsfigurenkabinett, das eine sorgfältig erdachte Kampfszene darstellte. […] Ein Mann lehnte an einem Wagenrad mit einem Stück Draht in der Hand, ein anderer hatte gerade ein neues Magazin in seine Waffe einsetzen wollen.«

Die internationale Verurteilung der Invasion führte dazu, daß die Sowjetunion aus dem Völkerbund ausgeschlossen wurde. Das war die letzte Aktion dieses Gremiums.

»Sechs Kilometer im Umkreis«, schrieb die amerikanische Journalistin Virginia Cowles, die das Schlachtfeld kurz darauf besuchte, »waren Straßen und Wälder von Menschen- und Pferdeleichen, ausgebrannten Panzern, Feldküchen, Artillerielafetten, Karten, Büchern und Kleidungsstücken übersät. Die Toten waren steinhart gefroren, ihre Haut dunkel wie Mahagoni. Einige hatte man aufgeschichtet wie Müllhaufen, und nur barmherziger Schnee deckte sie zu. Andere waren in grotesker Haltung an Bäume gelehnt. Alle waren in der Stellung gefroren, die sie zuletzt eingenommen hatten. Einen sah ich, der drückte noch seine Hand auf seine Bauchwunde, ein anderer hatte versucht, sich den Mantelkragen aufzureißen.“

Ein ähnliches Schicksal ereilte die 122. Schützendivision, die von der Halbinsel Kola in südwestlicher Richtung auf Kemijärvi marschierte, wo sie von den Truppen des Generals Kurt Martti Wallenius überrascht und zerschlagen wurde.

Die Öffentlichkeit in London und Paris empörte sich darüber fast noch mehr als über den Angriff auf Polen.

Abgetretene finnische Gebiete, 1940

Auch Stalins deutscher Verbündeter Adolf Hitler geriet in eine schwierige Lage.

  • Während er wachsende Lieferungen aus der Sowjetunion bezog, mußte er nun eine Verschlechterung der Beziehungen und des Handels mit den skandinavischen Ländern, besonders mit Schweden, befürchten.
  • Vor allem beunruhigten die Naziführung Forderungen nach militärischer Hilfe für Finnland, die in Großbritannien und Frankreich laut wurden.
  • Sollten die Alliierten in Skandinavien auftauchen, so gefährdete dies die Lieferungen von Eisenerz, dessen hohe Qualität für die deutsche Rüstungsindustrie lebenswichtig war, aus Schweden nach Deutschland.

Hitler wirkte zu dieser Zeit jedoch gelassen und selbstsicher.

Er fühlte sich in seinem Glauben bestätigt, daß die Vorsehung ihn auserkoren und für die Erfüllung seiner großen Mission geschützt hatte.

Am 8. November war er zum Bürgerbräukeller in München gefahren, wo er 1923 den gescheiterten Naziputsch gestartet hatte. Der Möbeltischler Georg Elser hatte in einer Säule nahe dem Podium eine Sprengladung versteckt. Aber erstmals war die Feierstunde abgekürzt worden, weil Hitler rasch nach Berlin zurückkehren mußte.

Zwölf Minuten nach seinem Weggang verwüstete eine starke Explosion den Ort und tötete eine Reihe alter Nazikämpfer.

Wie ein Kommentator bemerkte, war die Reaktion in London auf diese Nachricht »nur ein gleichmütiges britisches ›Pech gehabt‹, als hätte jemand an einem Fasanen vorbeigeschossen«.

Bei Bekanntgabe der Friedensbedingungen 1940 wehen finnische Fahnen auf halbmast

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