Ungarns größte Oppositionszeitung geschlossen

Ungarns größte Oppositionszeitung geschlossen

Vor der Wende galt Népszabadság als die Stimme der Staatspartei; das Blatt war zwar unabhängig und überparteilich, unterstützte jedoch im Allgemeinen die sozialistischen und liberalen Parteien und stand damit dem rechtskonservativen Fidesz-Bürgerbund fern.

Mehrheitseigentümer war (Stand Anfang 2014) das Schweizer Medienunternehmen Ringier, Minderheitseigentümer die MSZP.

Nachdem die Zeitung von regierungsnahen Oligarchen aufgekauft worden war, wurde sie am 8. Oktober 2016 eingestellt. Die Zeitung hatte zuletzt Regierungsskandale aufgedeckt.

Am Freitagabend gingen die Redakteure der linken ungarischen Oppositionszeitung „Népszabadság“ gut gelaunt nach Hause. Am Wochenende würden sie in neue Räumlichkeiten umziehen, alles war bereits in Kartons verpackt – Teil einer Umstrukturierung, die bereits erste positive Ergebnisse zeigte. Das jahrelang schwer defizitäre Blatt hatte 2015 erstmals wieder einen schmalen Gewinn erwirtschaftet.

Die Online-Ausgabe wurde seit Monaten ausgebaut, neue Kollegen waren dafür angeheuert worden. Das Redaktionssystem war modernisiert worden, ein Relaunch der Traditionsmarke stand bevor. Journalistisch lief es gut, die Zeitung setzte Themen im öffentlichen Diskurs mit Enthüllungsgeschichten über eine Liebesaffäre des Nationalbankpräsidenten und Orbán-Vertrauten György Matolcsy und über einen weiteren Vertrauten des Ministerpräsidenten. Antal Rogan, im Volksmund „Propagandaminister“ genannt, weil er die Kommunikationspolitik der Regierung lenkt, war im Hubschrauber zur Hochzeit einer bekannten Schauspielerin geflogen. Der verwöhnte Luxus-Lifestyle „konservativer“ Politiker ist eines der gefährlichsten Themen für die Regierung, die sich gern als Beschützer des „kleinen Mannes“ gibt.

Am Sonntag wollte man in den neuen Räumen den Umzug feiern und auf die Zukunft anstoßen. Die Geschäftsleitung hatte verkündet, die Pizzas für die Party seien bereits bestellt.

Dann der Samstagmorgen: Die Wochenendredakteure wurden nicht ins Gebäude gelassen. Alle Hausausweise wurden konfisziert. Die Internetseite der Zeitung und das Internetarchiv waren offline. Das E-Mail-System gesperrt. Ein Kurier brachte den Redakteuren Mitteilungen, sie seien von der Arbeit „befreit“. Archive, Dokumente – alles steckte in Umzugskartons, zu denen niemand Zugang bekam.
Dann erschien auf der Webseite der Zeitung eine Mitteilung der Geschäftsführung: Die Eigentümer wollten das Blatt aus „wirtschaftlichen Gründen“ bis auf Weiteres nicht mehr erscheinen lassen, weder gedruckt noch digital. Abonnenten könnten ihr Geld zurückfordern oder eine andere Zeitung des Verlages wählen, etwa ein Sportblatt oder eine Frauenzeitschrift.

Die Kollegen waren empört, von „Putsch“ und „Zensur“ war die Rede. Alle Parteien außer der Regierungspartei Fidesz erklärten sich solidarisch und natürlich Zeitungsredaktionen im In- und Ausland. Am Abend wurde vor dem Parlament demonstriert. Aber nur wenige Tausend kamen. Der Tod der einstigen kommunistischen Parteizeitung, die nach der Wende bis vor einigen Jahren mittelbar den heutigen Sozialisten gehörte, erregt im konservativen Ungarn nicht viele Gemüter.

Zunächst hatten die Sozialisten im Laufe der Jahre das Blatt erst teilweise und dann ganz aufgegeben, es verlor einfach zu viel Geld. Seit 2014 gehörte es dem österreichischen Investor Heinrich Pecina, über seine Firma Vienna Capital Partners und das von ihr gehaltene Unternehmen Mediaworks.

In den letzten Monaten war geflüstert worden, daß ein regierungsnaher Investor Mediaworks kaufen wolle. Nun wird spekuliert, ob der Deal hinter den Kulissen schon perfekt war und ob die Schließung der Zeitung eine Bedingung war für das Geschäft.
Politische Zensur oder die brutalen Gesetze des Marktes? Wohl beides. Der Fall spiegelt die tragische Lage der unabhängigen Medien in Ungarn (aber auch anderswo) wider: Am digitalisierten Medienmarkt ist es so schwer zu überleben, dass man Geldgeber oder Investoren braucht, die aus anderen Branchen kommen und meist wichtigere Interessen haben als kritischen Journalismus am Leben zu halten.

Nebenbei gesagt erinnert es auch an die Lage vor zehn Jahren, als der Medienmarkt noch von linken und liberalen Publikationen dominiert wurde, und die damalige sozialistische Regierung den darüber klagenden Konservativen sagte: Ihr wollt ein Medium? Kauft euch eins, hier herrscht Marktwirtschaft.

Die Redakteure von „Népszabadság“ wollen nun in anderer Form weitermachen – wie, ist noch nicht klar. Die Redaktion besteht vorerst aus einer neu geschaffenen Facebook-Seite, die nach nur einem Tag immerhin mehr als 35.000 Menschen abonniert haben.

Die Chefredaktion verhandelte am Samstag mit den Eigentümern. Das seltsame Ergebnis: Wenn die Redakteure einen Geschäftsplan vorlegen, der ohne Verluste auskommt, dann kann das Blatt weiter erscheinen.

Normalerweise ist es eine Sache der Verlagskaufleute, nicht der Redakteure, Geschäftspläne auszuarbeiten. Ansonsten, so hieß es, sei der Wunsch laut geworden, ein anderer Verlag möge doch bitte die „Népszabadság“ kaufen. Am Sonntagnachmittag versammelte sich die Redaktion vor dem Gebäude in dem sie den ursprünglichen Plänen zufolge heute feiern und ab morgen arbeiten sollten. Sie wollten an ihre Schreibtische, sagten die Redakteure, daraus wurde aber natürlich nichts. Der vorläufige Tod der „Népszabadság“ hinterläßt eine klaffende Lücke am Zeitungs- und Medienmarkt. Links von der Mitte bleibt nur noch die „Népszava“, die den Sozialisten nahesteht, und das große regierungskritische Wochenmagazin „HVG“.

Das einst kritische Nachrichtenportal Origo und der Fernsehkanal TV2 haben nach Eigentümerwechseln in den vergangenen Jahren jede missliebige Berichterstattung über die Regierung abgestellt. Kritik kommt nun vor allem von Medien, die reichen Geschäftsleuten gehören, welche einst mit Orbán verbündet waren, jetzt aber seine Gnade verloren haben. Zu ihnen gehören die Tageszeitung „Magyar Nemzet“, das Internetportal Index, das Wochenmagazin „Heti Válasz“ und der Fernsehkanal Hir TV. Das sind allerdings keine linksorientierten Medien, sie sind vor allem deswegen Orbán-kritisch, weil ihre Eigentümer aus letztlich finanziellen Gründen derzeit zornig auf ihn sind.

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5 responses to “Ungarns größte Oppositionszeitung geschlossen”

  1. Reich durch Gas. says :

    Ich finds gut, daß sich in der Gasbranche Ungarns wieder was tut.

    „Orban strómanjának“ – Orbans Gallionsfigur kurbelt wieder die Gasversorgung an. Ja, Schlau Meir, so wird man reich durch Gas.

    In Budapest zweifelt kaum jemand daran, dass Pecina dem rechtspopulistischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán einen enormen Gefallen getan hat. Die oppositionelle „Népszabadság“ hätte sich für eine „Gleichschaltung“ auf Regierungslinie nicht geeignet. Wohl deshalb musste sie sterben, vermuten Mitarbeiter und Medienexperten. Mit ihren gründlich recherchierten Geschichten über die Affären und Luxusexzesse in Orbáns Umfeld war die „Népszabadság“ dem Regierungschef schon lange ein Dorn im Auge. Im Visier haben dürfte aber Orbán vor allem Pecinas Regionalzeitungen mit ihrer lokalen Meinungsmacht.

    Es wird damit gerechnet, dass die Mediaworks-Besitzungen bald in den Besitz eines Orbán-Günstlings fallen werden. Gerüchte sprechen von Lorinc Mészáros, dem Bürgermeister von Orbáns Heimatort Felcsút, der in nur wenigen Jahren dank großzügiger Regierungsaufträge vom einfachen Gasinstallateur zu einem der reichsten Männer Ungarns aufgestiegen ist. (Gregor Mayer aus Budapest, 10.10.2016)

    http://derstandard.at/2000045584625/Verlag-stellt-ungarische-Traditionszeitung-Nepszabadsag-ein

    http://orf.at/stories/2332570/2332583/

    http://www.kleinezeitung.at/wirtschaft/hypo/5044883/HYPOPROZESS_Pecina_Schlussel-zu-riesigem-Gewinn

    http://www.kleinezeitung.at/wirtschaft/hypo/5044883/HYPOPROZESS_Pecina_Schlussel-zu-riesigem-Gewinn

    Man stelle sich nur vor sowas erscheint in „Népszabadság – oder bei Springer.

    Und dann ist da noch der Wiener Investor Heinrich Pecina. Er war bei Überweisungen von Millionen eines hohen ungarischen Würdenträgers von Panama nach Wien behilflich. Es besteht der begründete Verdacht, dass diese Millionen der Lohn für eine geheime Insiderinformation waren.

    https://cms.falter.at/falter/2016/04/03/die-grosse-offshore-schau/

    Gerade Gasinstallateure kennen die Probleme mit Erben von Holocaustopfern.

    Eine besonders beliebte Konstruktion ist die „Panama Privatstiftung“. Sie gewährt nicht nur Steuerfreiheit – sondern auch völlige Anonymität jener Kunden, die ihr Vermögen in diese Stiftungen einbringen. In solche Privatstiftungen, so fand das ICIJ-Team heraus, wurde sogar NS-Raubkunst eingebracht, um die wahren Eigentümer zu tarnen und sie dem Zugriff der Erben von Holocaust-opfern zu entziehen.

    Den Verkauf verlangten die ungarischen Kartellbehörden, bevor Springer und Ringier auch in Ungarn (wie längst in anderen Ländern Ostmitteleuropas) fusionieren.

    Vienna Capital Partners wird vom Investmentbanker Heinrich Pecina geführt. Die VCP war lange Kapitalmarktberater der Hypo Gruppe. Im Gerichtsstreit der Bayern LB gegen die Verkäufer der Hypo Alpe Adria sagte Pecina etwa im Frühjahr 2013 aus. Pecina beziehungsweise die ihm zuzurechnenden Privatstiftungen Annagasse und Collegia, hatten auch Hypo-Vorzugsaktien gezeichnet.

    http://derstandard.at/1389858052269/Ringier-und-Axel-Springer-wollen-in-Ungarn-zusammenspannen

    http://derstandard.at/1271377990208/Wie-alte-Freunde-der-Hypo-aus-der-Patsche-halfen

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  2. Es trennt sich, was zusammengehört. Schön zu sehen. says :

    Gemeinschaftsunternehmen mit Axel Springer in Osteuropa

    Am 23. März 2010 gaben die Ringier AG und das deutsche Medienhaus Axel Springer AG ihre Absicht zur Gründung einer gemeinsamen Holding-Aktiengesellschaft mit Sitz in Zürich bekannt, an der beide Unternehmen zu je 50 % beteiligt sind, die Ringier Axel Springer Media AG. Die Axel Springer AG leistete in das Joint Venture eine Bareinlage in Höhe von 50 Mio. Euro und zahlte zudem rund 125 Mio. Euro Ausgleich an Ringier. In dieser Holding wurden die Osteuropa-Aktivitäten der beiden Konzerne gebündelt. Die Axel Springer AG brachte das Geschäft seiner Tochtergesellschaften in Polen, Tschechien und Ungarn ein, Ringier sein Geschäft in Serbien, der Slowakei, Tschechien und Ungarn. Die beiden Unternehmen haben in Osteuropa zusammen bereits über 100 Printtitel (34 Zeitungen, 73 Zeitschriften) und über 70 Online-Angebote auf dem Markt (Stand März 2010). Mit dem Gemeinschaftsunternehmen entstand eines der grössten Medienunternehmen in Osteuropa, das auf das Gesamtgebiet gesehen deutlicher Marktführer bei Boulevardzeitungen und einer der grössten Anbieter im Zeitschriftensegment ist. CEO der Holding ist aktuell Mark Dekan. Vorsitzender des paritätisch besetzten Verwaltungsrats ist Ralph Büchi, Präsident von Axel Springer International. 2002 war der Axel Springer AG ein Interesse am Kauf der Ringier AG nachgesagt worden. Zum 1. Juli 2007 hatte Springer über die Schweizer Tochtergesellschaft Jean Frey AG die deutschsprachigen TV-Programmzeitschriften TELE, TV4 und TV2 von Ringier erworben.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ungarische_Sozialistische_Partei

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    • Schlau Meir says :

      Lustig ist: BILD hetzt gegen die Polen, und FAKT hetzt gegen die Deutschen.

      Die jüdische Oligarchin, reichste Bewohnerin der Reichshaupstadt Berlin, Frieda Springer, kassiert so doppelt.

      Darauf einen ´Spresso dopio.

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  3. WEISSE WÖLFE says :

    Hat dies auf Manfred O. rebloggt.

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