Erste russische Kampfjets haben Syrien verlassen

Ein russischer Kampfjet startet vom Luftwaffenstützpunkt Hmeymim bei Latakia in Syrien.

Kremlchef Putin hat den Abzug des größten Teils der russischen Soldaten aus Syrien befohlen. Die erste Staffel russischer Kampfjets hat das Land nun verlassen. Das teilte das russische Verteidigungsministerium mit.

Kremlchef Putin hat den Abzug des größten Teils der russischen Soldaten aus Syrien befohlen. Die erste Staffel russischer Kampfjets hat das Land nun verlassen. Das teilte das russische Verteidigungsministerium mit.

https://i2.wp.com/www.dw.com/image/0,,19117174_303,00.jpg

Putins Schachzüge überraschen den Westen nicht nur, sie düpieren ihn. Mit seinem Teilabzug aus Syrien gewinnt Rußland nun endgültig die Kontrolle über das Land und über Assad, meint Christian F. Trippe.

Putins Schachzüge überraschen den Westen nicht nur, sie düpieren ihn.

Mit seinem Teilabzug aus Syrien gewinnt Rußland nun endgültig die Kontrolle über das Land und über Assad, meint Christian F. Trippe.

Jede Großmacht pflegt ihre Rituale und übt sich in Inszenierungen. Die russische Variante von „Mission erfüllt“ kam unspektakulär daher. Rußlands Präsident bestellte den Verteidigungs- und den Außenminister in sein dunkel getäfeltes Kabinett und verkündete dort in einem Ambiente größtmöglicher Beiläufigkeit das Ende der Luftangriffe in Syrien; denn die militärischen Ziele dort seien größtenteils erreicht. Die karge Ansage aus Moskau wird weltweit wie eine mittelgroße Sensation aufgenommen.

Rußland war in den syrischen Bürgerkrieg gezogen, um dort gegen islamistische Terroristen zu kämpfen. Doch das war nur ein Teil der Wahrheit – verfolgte Rußland doch eine üppige verdeckte Agenda. Von Anfang an bekämpften Rußlands Jagdbomber auch jene Milizen, die vom Westen in ihrem Aufstand gegen Assad alimentiert werden. Da dieser syrische Krieg auch ein Stellvertreterkrieg ist, bekämpfte Rußland in Syrien somit die USA und ihre Verbündeten.

Alles was wichtig ist, bleibt vor Ort

Die Steinzeit-Islamisten des „Islamischen Staats“ (IS) sind indes immer noch nicht besiegt. Hier muß und will Rußland aber wohl nachlegen. Nachdem sich die USA und Rußland wochenlang gegenseitig Vorhaltungen gemacht hatten, absichtlich nicht genug oder gar das Falsche zu tun im Kampf gegen den IS, scheinen die beiden nun erstmals ein gemeinsames Vorgehen zu planen. Rußland jedenfalls wird auch nach seinem Teilabzug genug Militärgerät in Syrien lassen, um bei einer solchen Kampagne dabei zu sein.

Christian F. Trippe ist gegenwärtig als Korrespondent im DW-Studio Moskau

Schade, daß es für das Wort „Abzug“ keinen Diminutiv gibt – denn bei genauem Hinsehen ist es genau das: Die ultra-light-Version eines militärischen Abrückens, ein „Abzügle“. Lediglich Jagdbomber, Piloten und Bodenpersonal werden zurück verlegt nach Rußland. Syrien war für die russische Rüstungsindustrie wie ein gigantischer Showroom, brandneues fliegendes Gerät kam erstmals zum Einsatz. Doch der war teuer. Rußland aber muß haushalten, das Land ist gebeutelt von einer tiefen Wirtschaftskrise und von den Sanktionen des Westens wegen seiner aggressiven Ukraine-Politik.

Der Verteidigungsetat könnte nächstes Jahr um fünf Prozent gekürzt werden; Rußlands oberster Rüstungsmanager rechnet gar mit zehn Prozent weniger Aufträgen aus dem Moskauer Verteidigungsministerium. Auch diese Wirklichkeit gehört zum Blick auf Putins überraschende Entscheidung, die Luftangriffe abzubrechen. Rußland spart dadurch viel Geld und vergibt sich strategisch nichts. Denn Rußland hat sich in Syrien militärisch dauerhaft festgesetzt. Jederzeit kann der Kreml wieder eskalieren. Der russische Marinehafen in Syrien, die mit viel Aufwand ausgebaute Luftwaffenbasis und der entsprechende Schutz dieser Einrichtungen – all das bleibt vor Ort.

Rußland hat Assad offenbar aufgegeben

Die Assad-Regierung hat nur überlebt, weil Rußlands Militär den bedrängten syrischen Streitkräften vor 6 Monaten zur Hilfe kam. Nun ist das Regime in Damaskus auch politisch völlig in Rußlands Hand. Gerüchte wollen außerdem von einem Zerwürfnis zwischen Moskau und Damaskus wissen. Dazu paßt, daß ein Kreml-Sprecher mitteilen ließ, die politische Zukunft von Präsident Assad sei nicht Thema bei den Beratungen über den Truppenabzug gewesen. Im Klartext: Der Kreml interessiert sich nicht mehr für Assad – nachdem es monatelang den Schutzpatron des angeblich ach so legitimen Gewaltherrschers gespielt hat.

Mit diesen machtpolitischen Manövern gewinnt Rußland bei den Friedensverhandlungen in Genf eine Verhandlungsposition, die herausragt. Politisch war genau das geplant: Durch die Intervention in Syrien wieder zum globalen (Mit-)Spieler auf Augenhöhe zu werden. Derzeit redet kaum noch jemand über die Lage in der Ost-Ukraine, über Rußlands schwierige Rolle, den sogenannten „Minsk-Prozeß“. Die Annexion der Krim vor zwei Jahren? Wird wohl zum Thema für Völkerrechtsexperten. Kollateralschäden des russischen Syrien-Einsatzes, die Putin sehr zupaß kommen.

Sie können unterhalb dieses Artikels einen Kommentar abgeben. Wir freuen uns auf Ihre Meinungsäußerung!

Advertisements
%d Bloggern gefällt das: