Döner mit Zwiebel und Strafbefehl

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Ein junger Mann rülpst im Wiener Prater. Dummerweise steht aber genau in dem Moment neben ihm ein Polizist.

Die Folge: 70 Euro Bußgeld – und viel, viel Aufregung.

„Gutes Benehmen bedeutet in erster Linie, unseren Mitmenschen Wertschätzung entgegenzubringen“, heißt es bei der österreichischen Knigge-Gesellschaft.

Wer sich aber ausschließlich an Benimmregeln halte, wirke schnell mal steif. So viel zum Grundsätzlichen. Dagmar Daxecker, Knigge-Vorstand in Österreich, kann jedenfalls am Rülpsen im Park nichts finden. Wem bei Tisch ein Rülpser herausrutsche, der müsse sich entschuldigen, sagt sie, aber Aufstoßen im öffentlichen Raum sei doch nun eher eine läßliche Sünde. Dafür eine Strafe? „Absurd“, sagt sie und lacht. Das sieht die Wiener Polizei anders.

Die nämlich hat vor wenigen Tagen einen Strafbefehl über 70 Euro für eine „Anstandsverletzung“ nach Paragraf 1 des Landes-Sicherheitsgesetzes ausgestellt – wegen eines Rülpsers im Prater, dem legendären Wiener Vergnügungspark. Der Rülpser war einem jungen Mann, einem Barkeeper aus Wien, entfahren, nachdem er einen Döner mit allem, also mit Zwiebeln und sehr scharf, gegessen hatte. Wenige Meter neben ihm stand ein Polizist, der sich offenbar persönlich angegriffen fühlte, den Übeltäter empört ermahnte und ihm einen Strafbefehl nach Hause schicken ließ.

„Sie haben am 07. 02. 2016 um 17.15 Uhr in 1020 Wien, Praterstern Ausgangsbereich Richtung Praterstraße, durch folgende Begehungsweise den öffentlichen Anstand verletzt: lautes Rülpsen nächst der Polizeibeamten“, heißt es in der Begründung.

Der Prater-Besucher und Gelegenheitsrülpser Edin M., ebenso empört wie der Beamte, postete das Ganze auf Facebook, gespickt mit ein paar subtilen Beleidigungen und weniger subtil formulierten Bedenken zur öffentlichen Sicherheit im Prater, der nicht nur für Riesenrad und Riesenschnitzel, sondern auch für Drogendealer und Taschendiebe bekannt ist: „Also wenn die Wiener Polizei echt keine anderen Sorgen hat, als Menschen aufzuhalten, die rülpsen, dann bin ich mir sicher, daß auch weiterhin der schöne Wiener Prater Tatort von Verbrechen sein wird . . .“

Die Angelegenheit wird Folgen haben, so viel ist bereits jetzt klar. Edin M. will die Sache nicht auf sich beruhen lassen und Widerspruch einlegen. Und am kommenden Samstag soll im Prater gerülpst werden, was das Zeug hält: Ein Facebook-Nutzer plant einen „LautRülps-Flashmob“ am Eingang des Praters. Es könne nicht sein, so Organisator Dominik T., daß Polizisten ihre schlechte Laune an unbescholtenen Bürgern ausließen.

Der Rülps-Flashmob steht in einer schönen Tradition. Vor etwa einem Jahr waren zwei Frauen, die im Café Prückel herumgeknutscht hatten, von der Wirtin auf die Straße gesetzt worden; auch sie argumentierte mit Benehmen, Anstand und Knigge: So etwas tue man nicht in der Öffentlichkeit oder zumindest nicht in ihrem Lokal. Die Folge: ein Kiss-in auf der Straße vor dem Café, bei dem zwar nicht sonderlich viel geknutscht, aber sehr viel über bürgerliche Freiheiten und Diskriminierung von Homosexuellen geredet wurde.

Aktuelles Lexikon: Eruktation

Jeder hat es schon getan, mal lauter, mal leiser. Eruktiert, aufgestoßen, ja: gerülpst. Einem körperlichen Reflex folgend, versucht der Mensch, sich jener Luft zu entledigen, die er beim hastigen Essen und Trinken verschluckt hat. Die Luft drückt so lange auf den Schließmuskel des Magens, bis dieser sich öffnet, so daß die Luft durch die Speiseröhre entweicht und auf dem Weg Stimmbänder und Kehlkopf passiert. Lautmalerisch kann man sich hier jedoch weniger an dem medizinischen Terminus Eruktation orientieren als an dem umgangssprachlichen Ausdruck „Rülpser“, klingt dieser in seiner reinsten Form doch so, als versuche man sich der Umlaute ö oder ü zu entledigen. Während es in kumpeligen, familiären oder internetinternen Rülps-, pardon, Eruktationswettbewerben meist darum geht, möglichst laut die Tonleiter zu interpretieren, ist Rülpsen in der westlichen Welt im offizielleren Kontext kein Ausdruck persönlicher Freiheit, sondern schlechter Manieren. Dass mit alledem selbst nach dem Verzehr eines Döners mit viel Zwiebeln nicht zu spaßen ist, zeigt nun ein junger Mann aus Wien, der 70 Euro Strafe zahlen muss, weil er in Hörweite eines Polizisten eruktiert, pardon, gerülpst hatte; wegen „Verletzung des öffentlichen Anstands“. Am Samstag soll im Gegenzug ein „LautRülps“-Flashmob stattfinden. Wer Eruktationen hingegen abdämpfen möchte: einfach den Mund zulassen. Friederike-Zoe Grasshoff

Am Wochenende könnte das Thema beim Flashmob mithin weniger der Anstand in Gegenwart von Polizisten, sondern eher deren eigentliches Aufgabengebiet sein: dort für Ordnung zu sorgen, wo es wirklich nötig ist.

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One response to “Döner mit Zwiebel und Strafbefehl”

  1. Mit Türken-Döner und Schwarzem Afghanen geht das viel besser. says :

    Die ersten Vorschläge, einen perfekten Rülpser zu provozieren, gibt es auch schon auf der Facebook-Seite der Veranstaltung. Ein Nutzer plädiert ganz klar für „Leberkässemmel und Cola“, der andere bevorzugt dann doch „Frucade“. Aber einig sind sie sich: Der Döner ist ein guter Ausgangspunkt.

    Manche finden die Aktion eklig und völlig übertrieben, doch Dominik T. argumentiert: „Es geht natürlich primär darum, die Sinnlosigkeit solch einer Amtshandlung eines Polizisten anzuprangern, noch dazu an einem Ort in Wien, der als Drogenumschlagplatz bekannt ist.“ Und tatsächlich, der Praterstern ist weithin für die kriminellen Machenschaften bekannt, daher auch so eine große Polizeipräsens vor Ort.

    Die Juden von Zirndorf kennen das auch.

    Der Unterricht begann. Professor Schachno spazierte mit seinen kurzen Beinchen geziert umher und schien bisweilen im Gehen zu schlummern oder er summte behäbig eine stille Weise vor sich, gleichsam einen Hymnus an jene sanfte Milde, mit der er die Welt betrachtete. Seine Haupttätigkeit bestand im Zudiktieren von Strafarbeiten, welche ihm das Ideal der Pädagogik zu sein schienen. Ein vergessenes Heft, ein schlecht gelernter Vers, ein Tintenfleck, ein unzeitgemäßes Lachen, ein unanständiges Rülpsen, das alles waren Fehler, einzig und allein ausrottbar durch das Universal Strafarbeit. Er dozierte deutsche Literatur und sprach über Goethe so, als ob Goethe froh sein müßte, einen Schachno als Nachgeborenen gefunden zu haben.

    http://www.zeno.org/Literatur/M/Wassermann,+Jakob/Romane/Die+Juden+von+Zirndorf/2.+Kapitel

    Der Positivismus im Mosaismus.

    http://onlinebooks.library.upenn.edu/webbin/book/lookupname?key=Simchowitz%2C%20Salomon%20Schachno%2C%201859-1881

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